Schullektüre

Das Internet berichtet von Schullektüre und was sie mit den Protagonist:innen gemacht hat.

Ich weiß allerdings auch nicht mehr sehr viel, außer dass ich oft eine sehr abweichende Meinung zu der Lektüre hatte. Im Vergleich zu den Angaben von Frau H. und Frau N. fällt mir das auch auf.

Grudsätzlich habe ich es gehasst, Dramen zu lesen. Man muss dazu sagen, dass ich seit meinem sechsten Lebensjahr bis ungefähr 35 eine absolute Leseratte war, die u.U. sogar auf der Straße beim Laufen las, wenn es sehr spannend war. Als Jugendliche habe ich Zeugs wie Kafka, verschiedene Roths und Manns, amerikanischen Krams, sprich: [fast] alles mögliche freiwillig gelesen. Aber niemals habe ich verstanden, warum ich etwas lesen soll, das ja offensichtlich als Theaterstück oder vielleicht Film gedacht war. Ich fand das total anstrengend, es gab keinen Erzählfluss, und wenn man sehr viel Pech hatte, reimte sich der Quark auch noch. Und diesen ganzen (schon damals) uralten Kram, der in (zu Recht) längst untergegangenen Gesellschaftszuständen spielte, das war mir als Mädchen/ junger Frau doch völlig fremd! Sehr vieles habe ich nicht gelesen. Leider hatte ich zudem oft das Gefühl, ausgerechnet das LANGWEILIGSTE Werk des jeweiligen Autors bzw. Autorin als Lektüre aufgebrummt bekommen zu haben.

Los gehts. Reihenfolge völlig willkürlich, weil einfach überhaupt nicht mehr abrufbar.

Thomas Mann: Tod in Venedig. Gähn. Wirklich sehr gähn und überhaupt nicht verstanden, worum es eigentlich geht. Zur gleichen Zeit habe ich mich (privat) durch einen dicken Band von Erzählungen durchgearbeitet, wo vieles (nicht alles) durchaus interessant und lesenswert war.

Heinrich Mann: Der Untertan. GÄHN. Hatte ich zuvor schon mehrmals freiwillig begonnen, weil ein mir durchaus sehr sympathischer junger Mann das Werk als „bestes Buch aller Zeiten“ anpries. Eines der wenigen Bücher überhaupt, das ich bereits nach wenigen Seiten weglegte (und das mehrmals). Die dazugehörige Klausur durften wir mit „unseren“ Unterlagen schreiben, ich hatte „zufällig“ die Unterlagen des besagten jungen Mannes dabei.

Gerhart Hauptmann: Bahnwärter Thiel. SCHLIMM weil für Menschen mit schwierigen eigenen traumatischen Sozialisationserfahrungen extrem retraumatisierend, ich glaube ich habe es nichtmals zuende gelesen, weil es so schlimm war. UND DANN KAM ES IN MEINEM DEUTSCHABI RAN. Zum Glück war die zu interpretierende Stelle dank Naturalismus popeleinfach zu interpretieren, weil draußen Gewitter und drinnen quasi auch, das war leicht, aber auf gar keinen Fall Lektüre für junge Menschen, deren familiäre Hintergründe die Deutschlehrer:innen nicht kennen.

Franz Kafka: Die Verwandlung. Schlimm, weil GÄHN und WTF? Ich habs null gerafft, warum plötzlich einer ein Käfer ist und was mir das sagen soll. Und zu lesen war es langweilig. Unsere Deutschlehrerin hatte in jeder einzelnen Stunde Mühe, uns das mit dem Käfer zu erklären (vergeblich). Zur gleichen Zeit las ich mich durch einen sehr unterhaltsamen Band Erzählungen von Kafka durch, es lag also nicht an einer grundsätzlichen Abneigung gegen ihn.

Goethe: Faust. Für mich war alles von Goethe GÄHN, auch die Leiden des jungen Werther, die ebenfalls in der Lektüre auftauchten. Beim Faust wurde natürlich auch noch sehr viel Drama drumherum gemacht, weil war ja nunmal der Faust, also DER FAUST. Verstanden habe ich es auch wieder nicht. (Reimte sich das? Ungünstig für mein Textverständnis.) Ich konnte das einfach nicht lesen und habe auch keine Ahnung, wie ich da durchgekommen bin.

Da wir schon dabei sind: Ulrich Plenzdorf: Die neuen Leiden des jungen W. Das fand ich gut, und dass es eine Adaption des o.a. Goetheschen Werkes ist, wurde mir nichtmals dadurch klar, dass es ja im Werk selbst explizit erwähnt wird [mehrfach]. Wobei ich die Legende vom Glück ohne Ende im Unterricht noch lieber gelesen hätte.

Dann hier, Dings, Nathan der Weise. Ebenfalls keinen Plan, aber eben Drama, also unlesbar, nix verstanden, Lessing war das, oder? Wenn am Ende herauskommt „So Leute, auch wenn ihr unterschiedlichen Religionen anhängt, ist das noch lange kein Grund zu streiten“ weiß ich einfach nicht, warum man, haha, darum so ein Drama machen muss.

George Orwell: 1984, das war auf deutsch, auch öd, obwohl mich damals Dystopien interessiert haben, aber das war mir zu konstruiert (Brave New World fand ich viel besser, das hatte ich aber nicht in der Schule). Und Animal Farm, war mir auch erst unverständlich, und dann, als es die Auslegung gab, zu billig.

In Englisch hatte ich viel short stories, also viel Roald Dahl und Ernest Hemingway und so, das mochte ich. Ich hatte aber in meinen letzten beiden Schuljahren eine 1A Englischlehrerin, die eben nicht immer nach dem Motiv des Verfassers fragte, sondern mehr Wert auf die sprachlich interessanten Aspekte legte.

Russisch habe ich in dem Moment abgewählt, als klar wurde, dass wir nun nicht mehr nur darüber reden, wie wir heißen und wie das Wort Sehenswürdigkeiten auf russisch geschrieben wird, sondern auch genau den gleichen Shit wie in Deutsch machen, nämlich Bücher lesen und dann gemeinschaftlich das Motiv des Autoren ergründen, das ausgerechnet der Lehrerin bereits bekannt ist, trotzdem von uns neu beschrieben werden soll. Also keine Lektüre erinnerlich.

Ah, ich dachte schon, von Schiller sei ich verschont worden. Aber nein! Kabale und Liebe, und ich finde, ein Buch wo man herkömmlichen Schülern in den 90er Jahren schon eins von drei Wörtern im Titel erklären, wenn nicht sogar übersetzen muss, hat in der Schule einfach nix verloren.

Bertolt Brecht: Der kaukasische Kreidekreis. Brecht hat tolle Sachen geschrieben, aber hier erinnere ich mich ebenfalls nur an Hmpf bis doppel-Hmpf.

Carl Zuckmayer: Der Hauptmann von Köpenick. Da ich in Köpenick (genauer gesagt in Friedrichshagen, aber naja) Abitur gemacht habe, kam ich um diesen Klassiker natürlich nicht drum herum. Aber da man als Köpenickerin die Geschichte (und das zugehörige Rathaus) eh auswendig kennt, war das schon okay zu händeln.

Dürrenmatt war mit den Physikern vertreten, auch vollkommen unverständlich, er hat auch andere und für mich geeignetere Sachen geschrieben.

In der Rückschau war meine Schullektüre offensichtlich sehr dramenlastig, und das traf mich einfach überhaupt nicht, damit kann ich bis heute nichts anfangen. Von den meisten Autoren (ich kann mich nicht an irgendein Buch einer Autorin erinnern) hatte ich teils zur selben Zeit andere Bücher sehr gerne gelesen und ärgerte mich entsprechend, dass in der Schule ausgerechnet die doofen Bücher drankamen.

Hätte ich mir was gewünscht? Keine Ahnung. Heutzutage würde ich mir wünschen, dass Marc-Uwe Kling Teil der Schullektüre ist, nicht nur, weil es lustig ist, sondern weil ich in seinem Werk sehr viel Tiefe, Querverweise, Sprachkönnen und Vernetztheit finde. Und natürlich sollten Blogs im Deutschunterricht stattfinden. Und Twitter. Und überhaupt einfach auch viel mehr aktuelles und präsentes. Es kann genauso lehrreich sein, einen BLÖD-Artikel zu sezieren wie einen gut recherchierten Blogbeitrag (was meiner nicht ist).

Ich hätte mir insgesamt mehr Bezug zu meinem eigenen Leben und Erleben gewünscht.

Dass Literaturunterricht, egal in welcher Sprache, auch spannend und gut gestaltet sein kann, habe ich im Film „Der Club der toten Dichter“ gelernt.

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3 Antworten zu Schullektüre

  1. Pingback: Schullektüren meiner Schulzeit - Lehrerzimmer

  2. Herr Rau schreibt:

    Meine Bewunderung und mein Schrecken stieg mit jeder beschriebenen Lektüre an: wie da konsequent das Buch nicht gepasst hat, das hat etwas Faszinierendes. (Ist natürlich schade, ja.)

    • hafensonne schreibt:

      Ja, sehr schade, zumal ich ja an sich sehr gerne gelesen habe und es durchaus zu schätzen gewusst hätte, über die Lektüre auch mit anderen zu reflektieren.

      Je mehr ich darüber nachdenke (und das beschäftigt mich wirklich), desto klarer wird mir der eigentliche Mangel. Warum Lektüre im Sprachenunterricht? Das ist doch die Ausgangsfrage. Sollen die Schüler:innen einfach alle „Klassiker“* mal kennengelernt haben? Sollen sich die Schüler:innen mit Sprache auseinandersetzen? Soll die Lektüre für das eigene Leben irgendwie anregend, anstoßend, hilfreich sein? Das ist doch erstmal die grundlegende Geschichte.

      Ich glaube, ich schreib da nochmal was zu.

      Dankeschön für die Anregung!

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