Nachtrag Schullektüre

Die Frage von Herrn Rau und die Beiträge dazu, die ich bislang so wahrgenommen habe, beschäftigt mich nachhaltig.

Hat sich eigentlich je irgendein:e Deutschlehrer:in, irgendein:e Kultusminister:in gefragt, warum die Schüler:innen im Sprachenunterricht welche Bücher lesen sollen?

Ich habe es so erlebt, dass Lektüre in der Schule zu DDR-Zeiten natürlich einen ideologischen Hintergrund hatte, und bin sehr froh, dass zumindest das ab der 7. Klasse aus Gründen aufhörte. Ob es dann einen anderen, vielleicht etwas verbrämten ideologischen Überbau gab, kann ich nicht beurteilen. Auf jeden Fall schien ein sehr wichtiger Punkt zu sein, dass man die „Klassiker“* einfach kennen müsse, und wenn das nicht in der Schule passiert, holt man das als Erwachsene:r nimmermehr nach.

Dabei muss man sich doch fragen, warum man eigentlich Jugendliche mit uralten und verstaubten Werken quält, die ja ursprünglich mal für Erwachsene (und meist fürs Theater, andere Geschichte) verfasst worden sind.

Was sind eigentlich Lebensthemen im Alter von 12-18 Jahren? Man ist doch stetig in Bewegung, in Entwicklung, im Wachstum. Der Körper macht Dinge, der Kopf macht Dinge, dazu diese ganzen unnützen Emotionen, es ist doch alles in Wallung. Und dann soll ich in Kabale und Liebe von den Liebesbekümmernissen im gehobenen Adel des Feudalismus nicht nur lesen, sondern auch noch laut darüber nachdenken, was uns Schiller oder wer es war „uns“* damit sagen wollte. Das holt doch die meisten Jugendlichen überhaupt nicht ab! Die haben ihre eigenen, verschlungenen, rätselhaften, oft sehr belastenden Liebesbekümmernisse.

Warum habe ich eigentlich die Bücher, die ich damals gerne und durchaus auch häufiger gelesen habe? Banal ausgedrückt sicherlich, weil sie mich interessierten. Für Science fiction habe ich mich schon früh interessiert, ich mochte es, sich eine mögliche Zukunft auszumalen, in der es Dinge gibt, die jetzt noch nicht möglich sind. Daher mochte ich auch Star Trek sehr gerne, mit all seinen mystischen Gerätschaften und Geräuschen (und kann das jetzt nicht mehr gut gucken, so erbärmlich das aus heutiger Zeit, 60 Jahre später, alles aussieht und erzählt ist). Trotzdem ich vieles von Stanislaw Lem gerne las, zum Beispiel die Sterntagebücher, gab es andere Bücher von ihm, bei denen ich irgendwann aufgab, weil sie sich für meine Begriffe zu sehr in mystischen und rätselhaften religiösen und moralisch/ethischen Implikationen verloren.

Wer sich für die Zukunft interessiert, liest vielleicht auch Dystopien. 1984 war mir dabei zu konstruiert und genau wie Farm der Tiere zu billig in Richtung Kommunismus gestrickt. Schöne neue Welt hingegen mochte ich sehr gerne, sicherlich auch etwas konstruiert und im Schlussteil dann mit der plumpen Konfrontation des edlen Wilden mit der Zivilisation dann doch etwas anstrengend. Aber in meiner Erinnerung insgesamt eine gelungene Verknüpfung mit einem altvorderen Dichter, nämlich Shakespeare, die eventuell bei der ein oder anderen Interesse an seinem Werk geweckt haben dürfte. Ähnlich wie bei den neuen Leiden des jungen W. von Plenzdorf, der auf einem Plumpsklo ein zerfleddertes Heft mit den Goetheschen Briefen an Charlotte findet, und weil er nichts anderes hat in seiner Laube, das dann auch liest und erstaunliche Parallelen zu seiner eigenen Wirklichkeit entdeckt. Bei mir entstand zwar dadurch nicht der Wunsch, den ollen Goethe dann auch mal nachzulesen, aber wer weiß.

Warum mochte ich Joseph Roth? Ich hatte damals eine ausgedehnte KuK-Phase, ich interessierte mich dafür, ich mochte Wien und Ungarn, habe ja auch ein paar Semester lang versucht, Ungarisch zu lernen (vergeblich), da fand ich den Radetzkymarsch ganz im Gegenteil zu Frau Herzbruch super, und ich konnte, weil ich auch mit dem Kochen begann, mit der kleinteiligen Beschreibung des Tafelspitzes gut leben.

Warum las ich Henry Miller, obwohl mich dessen ellenlangen Erläuterungen noch längerer Intellektuellenabende tödlich langweilten? Weil Personen, die ich mochte und die mir wichtig waren für Miller und Anais Nin schwärmten.

Warum Camus und Sartre? Klar, Intellektuellenlektüre, und wer wollte seinerzeit nicht intellektuell sein? Natürlich rauchten wir und frühstückten allenfalls einen schwarzen Kaffee und hielten uns stundenlang in unserer Stammkneipe an einem Glas Beujolais fest. Aber das, was ich von ihnen mochte, las ich mehrmals und das beeindruckte mich auch nachhaltig. Von Camus waren das Die Pest und Der Fremde, und ich war später sehr fasziniert davon, dass sich The Cure in einem Song mit letzterem Sujet befasste. Von Sartre war es hauptsächlich diese Trilogie über Vorkriegs- und Kriegsfrankreich, wobei ich da beim Lesen immer wieder laut „Trottel“ und dergleichen rufen wollte ob der vielen Dämlichkeiten, die die Leute dort so anstellten.

Ich könnte das jetzt noch endlos fortsetzen. Offensichtlich las ich Bücher, weil sie mir gefielen, meine Interessen streiften, in meinem Umfeld angesagt waren, in mir etwas auslösten, mich auf neue interessante Gedanken brachten, ja, auch weil sie mich unterhielten. Kein einziges Buch habe ich gelesen, weil man es mal gelesen haben MUSSTE. Ich hab Die Blechtrommel nach drei Seiten in die Ecke gepfeffert weil ich die wahrscheinlich begründete Sorge hatte, das geht jetzt noch einunddrölfzig Seiten so weiter. Der Untertan siehe gestern. Goethe ALLES, Schiller leider auch. Und ich habe mich nach der Lektüre NIE gefragt, was mir „der Dichter“ eigentlich damit sagen wollte. Wenn er es während der Lektüre nicht schafft, mir seine Intentionen zu vermitteln, wird das hinterher auch nichts mehr.

Nichts gegen Lektüre im Sprachenunterricht, im Gegenteil, das finde ich sehr wichtig. Aber vorher sollten sich die Lehrer:innen bitte fragen, warum sie genau DIESE Lektüre für ihre Schüler:innen ausgewählt haben, und das auch so kommunizieren.

Genug für heute.

*Dieser sogenannte Kanon *augenrollen*

*Die kannten uns doch gar nicht, woher wollten sie wissen, was man „uns“ unbedingt sagen muss?

Dieser Beitrag wurde unter lästerei, nachdenkereien veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Nachtrag Schullektüre

  1. poux2 schreibt:

    +1 zu Joseph Roth!

  2. Herr Rau schreibt:

    >Hat sich eigentlich je irgendein:e Deutschlehrer:in, irgendein:e Kultusminister:in gefragt, warum die Schüler:innen im Sprachenunterricht welche Bücher lesen sollen?
    Sicher, alle der angesprochenen Parteien. Wie kompetent sie dabei waren, das ist eine andere Frage.

    >Was sind eigentlich Lebensthemen im Alter von 12-18 Jahren?
    Ich tue mich immer schwer, weil ich in dem Alter anscheinend war als andere, unkomplizierter. Aber im Lehrplan stehen für jede Jahrgangsstufe eigene Themen, für 9 etwa: Krieg und Verfolgung; Schuld, Verbrechen und Recht; Grenzerfahrungen; Die Zukunft hat schon begonnen; Liebe und Erwachsen werden; Entdecken, Erfinden, Verstehen. Da wird dann halt der Hesse zugeordnet – ob das geeignet ist oder nicht, hängt vom Einzelfall ab.

    >beim Lesen immer wieder laut „Trottel“ und dergleichen rufen wollte
    Kenne ich!

    >Und ich habe mich nach der Lektüre NIE gefragt, was mir „der Dichter“ eigentlich damit sagen wollte.
    Keine gute Deutschlehrkraft wollte je wissen, was der Dichter damit sagen wollte. Trotzdem kommt das bei Schülern und Schülerinnen so an. Entweder es gibt dann doch zu viel schlechte Lehrkräfte. Das stimmt sicher. Oder, und eben vielleicht zusätzlich, in vielen Jugendlichen und vielleicht auch Erwachsenen ist dieses Bedürfnis da, dass der Dichter etwas sagen will – diese romantische Vorstellung vom Dichter kommt der Entiwcklungsstufe entgegen? Die Schwundstufe dieser Frage ist: „Macht der Autor/die Autorin das absichtlich rein“ – Besonderheiten im Satzbau, Stilmittel, Häufungen von Antithesen. Die Antwort: „oft, aber nicht immer“ will dann auch keiner hören.

    >warum sie genau DIESE Lektüre für ihre Schüler:innen ausgewählt haben, und das auch so kommunizieren.
    Grundsätzlich ja. Aber erstens gibt’s für jeden, der Joseph Roth dann mag, jemand anderen, der das nicht tut. Und zweitens lässt sich nicht immer alles an alle kommunizieren.

    >Die kannten uns doch gar nicht, woher wollten sie wissen, was man „uns“ unbedingt sagen muss?
    Ja, Menschen sind verschieden. Wirklich. Andererseits: Die Abifeiern und Abistreiche und vor allem Abimottos sind dann doch landesweit so ähnlich, dass es mitunter eine differenzierte Art der Verschiedenheit ist.

    (Um die och schwierigeren Fragen habe ich mich zumindest vorerst gedrückt: Warum überhaupt Lektüre, und wurde vieles nicht für ein ganz anderes Publikum geschrieben?)

    • hafensonne schreibt:

      „Aber im Lehrplan stehen für jede Jahrgangsstufe eigene Themen, für 9 etwa: Krieg und Verfolgung; Schuld, Verbrechen und Recht; Grenzerfahrungen; Die Zukunft hat schon begonnen; Liebe und Erwachsen werden; Entdecken, Erfinden, Verstehen. Da wird dann halt der Hesse zugeordnet.“

      Das finde ich ehrlich gesagt etwas gruselig. Hesse in der 9. Klasse… ich habe als Jugendliche bzw. Heranwachsende Hesse gelesen, gab ein paar Sachen, die ok waren, aber das meiste – abgesehen von der Sprache – fand ich damals einfach nicht altersgerecht (ich habe mich tagelang durch den Steppenwolf gequält, um dann irgendwann einzusehen, dass die zutiefst depressive Stimmungslage eines Mittvierzigers mit suizidalen Gedanken einer 16jährigen in aktuell desolaten Familienverhältnissen nicht zuträglich ist, und habs aufgegeben).

      Vielleicht ist mir das schwer vorstellbar, weil ich ja mit Erwachsenen arbeite und ich es bizarr fände, wenn mir jemand vorschreibt, welche Themen für diese Menschen jetzt gerade dran zu sein haben. Ich richte mein Tun tatsächlich immer wieder neu an den Bedürfnissen und Themen der Rehabilitand:innen aus und mach das auch total gerne.

      „Keine gute Deutschlehrkraft wollte je wissen, was der Dichter damit sagen wollte.“

      Das ist jetzt für mich keine neue Information, aber offensichtlich hatte ich keine guten Deutschlehrkräfte. Es ging IMMER darum, was uns der Dichter damit sagen wollte. Die Deutschlehrerin in der Oberstufe hatte zum Beispiel für eine bestimmte Szene in der Verwandlung ein Tafelbild, in dem haarklein ausgeklügelt war, was Kafka damit gemeint hat, es stand also schon von vornherein fest, wie das zu interpretieren sei, und so musste man das für eine gute Note auch in der Klausur schreiben (Abi 1997 Berlin Ost).

      „Grundsätzlich ja. Aber erstens gibt’s für jeden, der Joseph Roth dann mag, jemand anderen, der das nicht tut. Und zweitens lässt sich nicht immer alles an alle kommunizieren.“

      Na klar, da sind wir uns sicherlich einig. Ich hätte damals halt gern gewusst, warum wir ausgerechnet Die Verwandlung lesen. Oder Tod in Venedig. Oder den Untertan. Und warum wir so wenig zeitgenössisches gelesen haben. Mir fällt zwar grad nichts konkretes ein, was ich mir gewünscht hätte, aber gefühlt waren es fast nur irgendwelche alten Schinken, und ein Bezug zu uns wurde leider auch nicht hergestellt (ich bin ja überrascht, wie viele Teilnehmer:innen Ihres Stöckchens zum Beispiel auf Faust I und andere Klassiker abgefahren sind, ich fands einfach nur furchtbar und habe es überhaupt nicht verstanden).

      „Ja, Menschen sind verschieden. Wirklich. Andererseits: Die Abifeiern und Abistreiche und vor allem Abimottos sind dann doch landesweit so ähnlich, dass es mitunter eine differenzierte Art der Verschiedenheit ist.“

      Oh, da haben wir wohl aneinander vorbei… ich meinte eher, dass Schiller und Goethe sicherlich für ein Publikum geschrieben haben, vielleicht sogar ahnten, dass es auch nach ihrem Tod ein Publikum geben könnte. Aber ich glaube nicht, dass sie mit ihren Werken 14jährigen Millenials irgendetwas spezielles mitteilen wollten.

      Oder vielleicht hätte ich mir schon damals was fächerübergreifendes gewünscht, wie es einige in den Kommentaren Ihres Posts beschrieben haben: Sich mit der jeweiligen Epoche zu beschäftigen aus historischer Sicht unter Einbindung der Kunst und Literatur usw. Nicht in den einzelnen Fächern, sondern „in diesem Halbjahr haben wir nur Mittelalter“.

      „(Um die och schwierigeren Fragen habe ich mich zumindest vorerst gedrückt: Warum überhaupt Lektüre, und wurde vieles nicht für ein ganz anderes Publikum geschrieben?)“

      Ganz genau 😉 aber ich erfreue mich an unserem kleinen Disput hier 🙂

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