Fußballeuropameisterschaft der Herren*

Ehrlich gesagt ist mir seit sehr vielen Jahren kein großes Turnier (fassen wir es unter EM, WM oder Olympia zusammen) sowas von egal gewesen wie in diesem Jahr. Am Gymnasium gehörte es noch zum guten Ton, sich auf gar keinen Fall für Fußball zu interessieren, danach veränderte sich da was, man guckte bei den Freund:innen, die einen Fernseher besaßen, oder eben in der Kneipe, bis einer das öffentliche Aufbahren Public Viewing erfand. Es war ein gemeinsames Event.

Einschub: WM 2006, ich war gerade alleinlebend und in meiner unmittelbaren Umgebung gab es in einer ausrangierten Garagenanlage einen Club, dessen Namen ich nicht mehr weiß, irgendwas mit Love in der Simplonstraße, die haben in einer halboffenen Halle die Spiele übertragen, da bin ich immer hin, wenn ich keinen anderen Spot hatte. Das war super. Da schon damals in Friedrichshain genug Leute aus aller Herren und Damen Länder lebten, war die Stimmung oft gar nicht so eindeutig pro oder contra einer der Mannschaften. Das war schön.

In diesem Jahr sieht es so aus, als gehe es auch vielen anderen am Pöppes vorbei, was da in elf oder zwölf oder wieviel Ländern passiert. Und das dürfte gleich das erste Problem sein in der Akzeptanz der aktuellen EM.

Kein Gastgeberland, das man nach und nach kennengelernt bekommt, wo die Nationalmannschaft ein Quartier in einer mehr oder weniger attraktiven Gegend bezogen hat. Stattdessen Trainingslager im Hauptquartier des Hauptsponsors in Herzogenaurach? WTF was für ein Level der Ödnis ist das bitte? Wir erinnern uns an das Sommermärchen 2006. Das war mein letzter Sommer in Berlin, und er war voller Party. Egal wer gerade im Olympiastadion spielte, es gab immer genügend Fans für sie. Und Party. Südafrika mit den Vuvuzelas (ja, die haben auch genervt), Brasilien 2014 (Sorry Brasilien). Man ist in den Wochen des jeweiligen Turniers immer auch ein wenig in dieses Gastgeberland hineingewachsen. Davon ist jetzt nichts zu spüren. EM wo? Ich weiß zum Beispiel erst seit gestern, dass Spiele auch in Baku stattfinden werden, der geographische und sportliche Bezug zu Fußball in Europa fehlt mir etwas.

Die Nationalmannschaft hat – eigentlich seit dem Gewinn der Weltmeisterschaft 2014 – ein Form- oder wie-auch-immer-Problem. Ich möchte jetzt nicht zur Bundestrainerin umschulen, aber meiner Meinung nach hat der Bundestrainer den Zeitpunkt des richtigen Abtretens verpasst. Spätestens 2018 hätte er gehen sollen. Er hat keine erkennbaren Ideen mehr, er kann nach einmal gefasstem Konzept nicht mehr umstellen, er formt da keine Mannschaft mehr. Stattdessen scheint ihm der FCB zu diktieren, wer in die Nationalmannschaft gehört.

Dann die Institutionen. Der DFB macht im Moment eh keine gute Figur. Aber UEFA und FIFA erscheinen rein monetär orientierte Vereine zu sein, die keine Gefangenen machen und keine Verwandten kennen. Die WMs in Russland und Katar seien hier exemplarisch genannt. Die quasi Diktatur der exklusiven Sponsor:innen nervt einfach. (Es ist bestimmt Zufall, dass das aktuell vor allem chinesische, russische und Golfstaaten-Dingens sind.) Die Stadions werden für den Zeitraum des Wettbewerbs quasi enteignet und der Institution übergegeben. Der Toleranzlevel gegenüber Kommerz ist insgesamt groß, kennt aber gleichwohl Grenzen. Aktuell sind natürlich noch die Fakten zu nennen: Wie wurde mit der Reanimation eines dänischen Nationalspielers auf dem Feld umgegangen (meine Meinung: ungünstig)? Warum wird – unabhängig vom tatsächlichen Infektionsgeschehen – auf größtmögliche Zuschauerzulassung gedrängt, ja, England sogar erpresst? Und das Katzbuckeln vor Ungarn. Meine Güte. In meiner Wahrnehmung ist damit maximal erreicht worden, dass selbst von alten weißen Männern inzwischen die Akzeptanz und Gleichstellung von Homosexualität und Transgender zumindest öffentlich als alternativlos kommuniziert wird.

Unterm Strich: Ja, ich gucke die Spiele an, wenn es passt, aber ohne Leidenschaft und ohne Engagement. Ich tippe nicht und ich weiß nicht, wer grad wo steht. Es ist mir egal. Irgendwann wird es ein Endspiel geben (hoffentlich mit Dänemark, sie haben eine Wiederholung des Wunders von 1992 verdient), das werde ich mir sicherlich auch angucken, und dann ist es eben vorbei.

Ich glaube nicht, dass meine Turnierleidenschaft im nächsten Jahr, im Winter 2022 zurückkehren wird, wenn die WM in Katar stattfinden wird. Schade eigentlich.

*Fußnote. Es hat mich immer sehr genervt, wenn bei den Turnieren der Frauen die Kommentatoren *immer* von der *deutschen* *Frauen* Fußball* *Nationalmannschaft* sprachen. Dass es Fußball war, konnte man gut erkennen, dass es Frauen waren, war auch offensichtlich, und da es ein internationales Turnier war, konnte man davon ausgehen, dass dort die Nationalmannschaft zugange ist.

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Eine Antwort zu Fußballeuropameisterschaft der Herren*

  1. BIRGIT schreibt:

    Da kann ich dir nur voll und ganz zustimmen, Fifa und in diesem Fall Uefa haben jegliche Glaubwürdigkeit verspielt und es macht mehr Freude, seinen jeweiligen Heimmannschaften zuzusehen, egal welche das ist, sei es Hansa, Arminia oder sonst wer. Ich glaube auch, dass allgemein das Interesse an der WM in Katar sehr viel geringer sein wird als jemals zuvor.

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