Tag 3 mit Impf

Der Arm tut immer noch ein bisschen weh, aber sonst ist alles okay.

Wir in der Pandemie.

Wie schon bei Sars und Sers und Ehec und Schweinegrippe und überhaupt ließen mich die ersten Berichte zwei Monate lang völlig kalt. Wieder mal so ein Virus, dass „da unten“ bzw. „da drüben“ sein Unwesen trieb. Nicht schön, aber naja. Ich hatte es (damals, Herr Lusche!) unterschätzt. Dann gab es die ersten (sehr wenigen) Fälle in MV. Dann wurde laut über Schulschließungen nachgedacht (WTF? Die Schulen könnten schließen? Really?). Dann gab es (angeblich) einen Fall in dem Gesundheitszentrum, in dem sich mein Arbeitsplatz befindet. Das war am 10.03.2020. Unser Arzt beruhigte uns, das Gesundheitsamt würde schon entsprechende Schritte einleiten, es bestehe kein Grund zur Sorge (was stimmte). Ich glaube, am 12.03., also am Donnerstag, hatte Rostock den vierten Fall, und es wurde sehr deutlich, dass unser dänischer Bürgermeister (ja, genau der, der jetzt hier alles aufsperrt und trotz steigender Zahlen auflassen möchte, Schulen, Läden, einfach alles) schnell handeln und nicht auf die Landes- oder gar Bundesregierung warten wird. (MV hatte damals insgesamt die wenigsten Fälle in Deutschland, das sollte sehr lange so bleiben. Präventionsparadox?)

Einschub. Am 14. und 15.03. wollte Marc-Uwe Kling sein neues Buch Qualityland 2.0 im Mehringhoftheater einlesen, und wir sollten im Publikum sitzen. Karten im November 2019 (2019?) ergattert und gefreut wie Nachbars Lumpi. Luxushotel um die Ecke gebucht, für den Montag freigenommen. Am Donnerstag haben wir entschieden, dass wir nicht fahren werden. Große Trauer. Dann kam die Absage der Verstaltung und Verschiebung auf Juni. (Juni?? Wie lange denn, glaubt ihr, wird der Scheiß dauern?) Dadurch konnten wir immerhin auch das Hotel umbuchen.

Zurück zum Freitag, den 13. (Haha.) Ich bin in meiner Gruppe, Wochenreflexion. Corona macht schon diffuse, schwer zu beschreibende Sorgen. Die sichtlich aufgewühlte Sachbearbeiterin stürzt herein und teilt mit, dass, wenn in der Pressekonferenz am Mittag der Oberbürgermeister die Schließung der Schulen verkündet, wir ab Montag ebenfalls geschlossen seien. Hmpf. Immerhin können wir unsere Teilnehmer:innen so noch einigermaßen vorbereiten und die Kontaktdaten aktualisieren. Sie waren erst seit drei Wochen bei uns, das war alles ganz schlimm.

Die Lady holt mich ab, wir fahren einkaufen. Preppern wollten wir natürlich nicht, aber uns eindecken irgendwie trotzdem. Es war uns (erste Pandemie) nicht ganz klar, wie viel geöffnet bleiben würde (Lockdown, your ass). Die Stimmung im Supermarkt war seltsam. Die Leute wichen einander aus. Die Pressekonferenz bestand unmittelbar bevor. Aber es war bereits klar, dass alles (naja) ab Montag geschlossen sein wird. Und so kam es auch. Rostock zögerte nicht, sondern handelte. OB Madsen als Kapitän in Erwartung eines Sturmes, der dann (glücklicherweise) sehr lange sehr ausblieb.

An dem Wochenende war so unfassbar tolles Wetter, dass wir zum ersten Mal in diesem Jahr auf den Golfplatz fuhren und ein bisschen auf der Driving Range abschlugen. Nach meiner Platzreife Ende Oktober 2019 (2019?) habe ich nur noch einmal gespielt, und das war echt zum Vergessen gewesen, an diesem Märzwochenende lief es hingegen fantastisch. Schöner Einstieg in die Saison. Spoiler: Die Golfplätze wurden am Montag auch geschlossen.

Dann verschwimmt meine Erinnerung. Es folgten Wochen, in denen wir, zunächst halbwegs in festen Gruppen, Huuskontor (danke an Herrn Buddenbohm) und Präsenz im Betrieb abwechselten. Zum Huuskontor damals muss ich anmerken, keiner von uns hatte einen Betriebslaptop oder wenigstens vom privaten Rechner aus Zugriff auf das betriebsinterne System. Einige (ich nicht) hatten wenigstens Diensthändis. Ich konnte im Huuskontor also nichts machen als (mit meinem privaten Händi) zu telefonieren. Ich habe den ganzen Tag telefoniert. Den ganzen Tag mit Menschen zu reden, deren Körpersprache, Gestik, Mimik ich nicht sehen kann, ist unglaublich anstrengend. Ich habe über Kochrezepte gesprochen, während der Kater im Hintergrund subjektive Probleme in der Versorgungslage referierte. Ich habe über Präventionsparadoxa und die Sinnhaftigkeit von Maßnahmen referiert. Mut gemacht. Auf die Schulter geklopft. Getröstet. Und sagenhaft viele Telefonkonferenzen mit meinen Kolleg:innen gehabt. Vieles mussten wir aufgrund der Erstmaligkeit der Situation neu aushandeln, organisieren, auf die Beine stellen, uns austauschen, und wir konnten uns dabei viele Wochen lang nicht gemeinsam alle zusammen sehen. Das war sehr anstrengend. Kurioserweise haben wir Mitte April und Anfang Mai auch noch zwei neue Kollegen bekommen und eingearbeitet, und auch das ist uns gelungen. Ich weiß nicht wie. Wir haben gut aufeinander geachtet, das war (und ist) schön.

Ich erinnere mich hingegen noch gut an meinen ersten Einkauf mit Maske Ende April. Schon vorher war ja alles sehr streng an den Supermärkten (jeder einen Wagen, ein Sicherheitsmensch, der einen Zähler in der Hand hatte, Desinfektion am Eingang, überall Abstandsmarkierungen), aber das war dann nochmal anders. Ich weiß leider nicht mehr, was für eine Maske ich trug. Ich glaube ganz am Anfang hatte ich noch so ganz doofe, dann entdeckte ich die Stoffmasken von VanLaack (jaja) und kaufte sie im Rudel (hier tauchen immer mal wieder welche irgendwo auf, wie so ein Fossil aus einer längst vergangenen Zeit). Jedenfalls war es ein befremdliches Gefühl, und ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich das lange mitmachen kann. Haha.

Das fühlte sich alles sehr unwirklich an. Ich funktionierte, ganz gut sogar glaube ich, meine Kolleg:innen auch, wir hielten zusammen, wir machten unsere (plötzlich so andere) Arbeit, ich hinterfragte das alles nicht, es war eben Pandemie, meine erste, eine, die mich unmittelbar betraf, meine Lebensführung, meine Arbeit, es war alles anders als sonst jemals, ich konnte auf keine Erfahrungen zurückgreifen, ich fuhr mein System auf Sicht.

Zum Glück kam damals kein:e Zeitreisende:r und spoilerte, bei welchen Zahlen und Inzidenzien wir jetzt gerade NICHTS tun (nein, das ist noch nichtmal ein Lockdown light, was auch immer das sein soll), während wir damals 12 Wochen lang in künstlicher Schockstarre verharrten und versuchten, irgendwie da durchzukommen, gesund zu bleiben, wir haben niemanden getroffen außer eben an einer Hand abzuzählende Kolleg:innen.

Nach sechs Wochen durfte man unter Auflagen, die wir gut erfüllen konnten (Flights nur aus einem Haushalt etc.), wieder Golf spielen, das hat uns gutgetan. Golf ist eine gut pandemiekonforme Sportart. Draußen, Abstand problemlos möglich, kein Kontakt mit anderen.

Im Juni durften die Teilnehmer:innen wieder ins Haus kommen, im Juli starteten wir (verspätet) eine neue Maßnahme, der Sommer verlief vorsichtig unbeschwert (wir hatten kaum Fälle in MV, in Rostock monatelang keinen einzigen), wir gingen auch essen (nur draußen, ich war seit Pandemiebeginn nie mehr in einem Restaurant drinnen), golfen, ans Meer fahren hieß früh aufstehen und losfahren, denn die Idee hatten viele, nur die meisten waren keine Lerchen 😉 wenn wir gegen 10 Uhr zurückfuhren, staute sich der Zulauf bis Nienhagen und weiter.

Einschub: Der Junitermin (Marc-Uwe Kling) wurde auf September verschoben, das Hotel konnten wir nicht noch einmal verschieben. Im Juni dann also Ausflug nach Berlin, Treffen mit der Schwester in Kreuzberg, und dann zogen wir mit Gesang vor dat nächste Restaurant, Starkregen, eine Golfrunde in Pankow. Fast hätte der Termin im September stattfinden können, aber dann zogen auch schon die Zahlen wieder an, und das Mehringhoftheater entschied zusammen mit dem Künstler, dass die Atmosphäre, die für das Hörbuch gewünscht war, unter den Hygienebedingungen nicht machbar sei, und er las das Buch im Studio ein. Als Entschädigung erhielten wir das Hörbuch signiert geschonken. Das Eintrittsgeld wollten wir nicht zurückhaben. Wenn es irgendetwas gibt, dass ich der Pandemie persönlich sehr übel nehme, dann ist es das ergangene Erlebnis dieser Live-Einlesungen. Das Buch gefällt trotzdem.

Im September registrierte ich unruhig die steigenden Zahlen, und zwar, als Profi, den damals schon rasanten Anstieg (soviel zum Thema, „wir“ waren „alle“ überrascht. Ich nicht.). Ich wunderte mich, dass außer ein paar dahergelaufenen Virolog:innen und Epidemiolog:innen sonst niemand davon Kenntnis nahm oder nehmen wollte. Für mich war klar, dass wir an meinem Geburtstag Ende September NICHT in ein Restaurant gehen würden, und da man aufgrund Dauerregens nicht draußen essen gehen konnte, verbrachte ich einen der trostlosesten Geburtstage überhaupt zu Hause, wenn auch in bester Begleitung und Bekochung. Im Draußen mussten allerdings offensichtlich noch die bayerischen Herbstferien abgewartet werden oder sonst irgendwas, jedenfalls es passierte genau nichts, dann gab es Lockdown light, das fühlte sich auch wie nichts an, denn drinnen essen gehen war ja keine Option und draußen essen gehen vom Wetter her auch nicht mehr, dann kam kurz vor Weihnachten „wirklich harter Lockdown“ mit immer noch nichts, wir mussten zwar wieder die Teilnehmer:innen heimschicken, aber nur zwei Tage vor den geplanten Weihnachtsferien, die sich um eine Woche verlängerten, jaja viele Läden hatten auch wieder zu, aber inzwischen kaufen wir fast alles im Internetz, sorry, der Einzelhandel in der Stadt hatte mehr als genug Zeit zu überlegen, wie er seine Sachen an die Frau kriegt, und da ist auch so gut wie nichts passiert.

Jetzt sitze ich hier in Rostock, gestern gab es 30 neue Fälle (wir erinnern uns, im letzten Jahr haben wir beim vierten Fall noch vor MV und Bund fast ALLES dichtgemacht), Schulen, Läden, Kitas, alles auf, teils ohne wirkliche Konzepte (jaja, die LUCA-App, ich nutze sie auch), es stellt sich wieder so ein surreales Gefühl wie letztes Jahr, nur mit umgekehrten Vorzeichen, in meiner Internetbubble (winkwink zu Frau N. und Frau H. und Frau Croco und Herrn B. und überhaupt alle) vernehme ich Wut, Ärger, Verdrossenheit, Müdigkeit, schlechte Laune und tatsächlich auch Hilflosigkeit und mir geht es genauso.

Uns geht es hier gold. Wir haben Platz, einen Ost- und einen Westbalkon, verdienen Geld, sind inzwischen auch ganz gut für Huuskontor gerüstet, haben keine schulpflichtigen Kinder im Haus, gehen einander nicht auf den Geist, haben die Ostsee vor der Haustür, könnten (wenn es das Wetter endlich mal hergäbe) Golf spielen, Herr Flens unterhält uns, wir können gut kochen (sorry Restaurants), wir sind gesund, wir sind geimpft. Trotzdem verstehe ich das Nichthandeln nicht, das immer-noch-herunterspielen (siehe der gestrige Schlagabtausch zwischen Frau H. und dem Deppen aus dem „Expertenrat“ NRW auf Twitter), das „paar Coronatote müssen wa halt in Kauf nehmen“, das immer-noch-nicht-verstehen-wollen vom Präventionsparadox (es ist nicht so schwer), ich verstehe das alles nicht.

Passt auf euch und eure Lieben auf und bleibt gesund!

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2 Antworten zu Tag 3 mit Impf

  1. Roswitha schreibt:

    danke für die erhellende zusammenfassung! am meisten regt mich auf, dass das impfen nicht richtig klappt, dieser eiertanz von hü nach hot und zurück. die überbordende bürokratie, warum kann man nicht von nachbarn lernen? ich bin nun 1 x geimpft, da ü 70, bald die 2. impfung, mein mann, da etwas jünger, bekommt keinen termin. die organisation der impfzentren, der hotline, die ganze infrastruktur hätte man besser von profis überlassen.

    • hafensonne schreibt:

      Bei uns hat das Ganze die Arbeitgeberin veranlasst, das ging ganz schnell. Und das Impfzentrum selbst funktionierte sehr hervorragend, viel Bundeswehrsoldat:innen, ausnahmslos alle SEHR freundlich, alles gut erklärt, ich kann nichts aussetzen. Aber Hotline soll in MV auch Katastrophe sein. Ich drücke Ihnen die Daumen, dass bei der 2. Impfung und bei Ihrem Mann alles besser läuft. Und bleiben Sie gesund.

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