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Sarah Kuttner: Mängelexemplar und Wachstumsschmerz

Mit der indirekten Empfehlung von Anne Schüssler im Hinterkopf erlegte ich neulich auf dem Flohmarkt diese beiden Bücher. Ich habe schon früher Sachen von Sarah Kuttner gelesen, das waren aber eher so kurze Texte, die Erinnerung ist unscharf.

Sarah Kuttner ist die Tochter von Jürgen Kuttner, einen im Ostberlin der 90er Jahre beinahe legendären und wohl immer noch sehr umtriebigen Radiomoderator.

Leider war ich von beiden Büchern enttäuscht. Die Bezeichnung „Roman“ ist nicht angebracht. Beides mutet vielmehr nach egozentrischen Schilderungen á la MIMIMI an. Mängelexemplar kann zudem als sehr plastische Schilderung der völligen Fehlbehandlung von Panikattacken und schwerer depressiver Zustände im Psychologie- und Medizinstudium eingesetzt werden. Um meinen Professor für Klinische Psychologie zu zitieren: Die Behandlung von Panikattacken und Angstzuständen mit Benzodiazepinen ist ein ärztlicher Kunstfehler. Wachstumsschmerz würde von der Story her vielleicht noch gehen, wenn die Protagonisten nicht schon Anfang 30 wären, sondern vielleicht 10 Jahre jünger. Aber mit Anfang 30 und nach 3 Jahren Beziehung derart panische Angst vor dem Zusammenziehen zu haben und damit dann folgerichtig in die sich selbst erfüllende Prophezeihung zu schlittern? Mimimi. Ichichich.

In beiden Büchern erscheint die ohnehin dürftige Handlung bemüht und teils an den Haaren herbeigezogen. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Sarah Kuttner einfach ihre eigenen Befindlichkeiten heruntergeschrieben und in eine kaum verbrämte Rahmenhandlung verbastelt hat. Dafür spricht auch, dass sich die beiden Protagonistinnen und ihre jeweiligen Partner gleichen wie ein Ei dem anderen. Selbst der etwas ungewöhnliche Beruf der Herrenmaßschneiderin Luise in Wachstumsschmerz lässt diesen Verdacht eher wachsen.

Insgesamt bin ich beinahe sicher, dass diese Elaborate ohne Sarah Kuttners relative Popularität niemals einen Verleger gefunden hätten. Die Egozentrik und Anspruchshaltung gegenüber dem Rest der Welt würde einer Pubertandin vielleicht noch gut zu Gesicht stehen oder wären dann wenigstens verständlich. Von einer damals 30- bzw. 32jährigen hätte ich dann doch etwas mehr Reife erwartet, wenn sie letztendlich von sich selbst schreibt, oder eben mehr Tiefe, wenn sie tatsächlich eine weibliche Coming-of-Age-Story hätte erzählen wollen.

Ob ich trotzdem noch 180 Grad Meer lese? Wahrscheinlich nicht. Anne Schüsslers Inhaltswiedergabe liest sich, als setze sich der literarische Egotrip einfach fort.

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