Demenzwochen mit (hoffentlich) Höhepunkt und Abschluss

In der letzten Woche hatte ich mit Ausnahme der ersten Patientin am Montag und der letzten am Freitag ausschließlich alte, demente, depressive, männliche Patienten.

Bei aller Professionalität ist man dann doch irgendwann weichgekocht. Warum muss so jemand noch mit einer neuropsychologischen Diagnostik gequält werden, in der er nichts mehr hinbekommt? Einer erleichterte sich gegen Ende der Untersuchung trotz Windel bei langjähriger Inkontinenz auf das Deckenkonvolut, in das er bei Hosenverweigerung gewickelt worden war. Einer hat schon fast nicht mehr gesprochen, den Depressionsfragebogen, den ich mündlich mit ihm durchging, habe ich nach der Hälfte abgebrochen. Was soll ich weiter bohren, wenn einer sagt, in den letzten zwei Wochen sei er jeden Tag traurig, verzweifelt, hoffnungslos gewesen und habe sich leer gefühlt? Wenigstens war er nicht suizidal. Als dann am Mittwoch ein weiterer Patient zur Demenzdiagnostik angemeldet wurde, habe ich gesagt, der kommt erst nächste Woche, das halte ich sonst nicht mehr aus.

Bei dieser Gelegenheit wurde mir ärztlicherseits bestätigt, dass die Patienten in Clustern erscheinen. Ich habe das ja schon immer gefühlt gedacht. Wie jetzt mit der Demenzwoche. Aber die Cluster beziehen sich nicht nur auf die Diagnosen. Die letzten 12 Patienten, die ich mit der CERAD bearbeitet untersucht habe, waren allesamt männlich und in den 30er Jahren geboren. Sie hatten entweder keinen Schulabschluss (Rekord: fünf Schuljahre!) oder keinen Beruf erlernt, aber allesamt in der Landwirtschaft gearbeitet (da bekommt der Spruch von Dr. K. „sechs Klassen, dann Kuhstall“ noch einmal eine ganz spezielle Bestätigung). Sie waren alle depressiv. Sie konnten sich nicht zwei Wörter von zehnen, die dreimal präsentiert werden, merken, und konnten allesamt keinen perspektivisch gezeichneten Würfel abmalen. Mein ohnehin großer Respekt vor denjenigen, die für ein lächerliches Gehalt in Pflegeheimen ihren Dienst verrichten, ohne dabei selber abzudriften, wächst von Tag zu Tag. So etwas ist wirklich schwer auszuhalten, und ich sehe die Patienten ja wirklich nur kurze Zeit und habe auch keinerlei pflegerischen Handlungen vorzunehmen.

Heute als evtl. Höhepunkt dann also ein Patient mit Verdacht auf Wernicke-Enzephalopathie. Diese tritt bei einem akuten Vitamin B1-Mangel* auf und kann durch entsprechende intravenöse Thiamingabe auch meist in den Griff bekommen werden. Man kann allerdings auch daran sterben oder wahlweise in den chronischen und dann auch nicht mehr reparablen Verlauf eines Korsakow-Syndroms übergehen. Eine bekannte frühe lesenswerte Beschreibung eines Patienten mit Korsakow-Syndrom findet sich bei Oliver Sachs mit „Jimmy, der Seemann“ in „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“. Vieles erkannte ich heute wieder. Es schadet also nicht, populärwissenschaftliche Literatur zu sichten und nach Feierabend zu konsumieren.

*Meist infolge Fehlernährung vor allem bei vorangeschrittener Alkoholkrankheit und vermutlich bei entsprechender genetischer Disposition zu ungünstiger Thiaminaufnahme

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