Anders wohnen

Ich bin ein echtes Großstadtkind und habe immer in irgendwelchen Mietshäusern, in Berlin meist sogar in klassischen Mietkasernen gewohnt. Zur Miete wohnen wir immer noch, aber sonst kann ich hier auf keinerlei Erfahrungsschatz zurückgreifen, obwohl ich in puncto Veränderungen des Wohnumfeldes insbesondere aufgrund zahlreicher Umzüge in der Vergangenheit eigentlich über umfassende Erfahrungen verfüge.

Aber fangen wir von vorne an.

(Noch) hat hier niemand Angst vor Kriminalität. Natürlich haben die Häuser anständige Eingangstüren (nehme ich an), aber Kleinkram, der draußen steht, wird nicht verschlossen, zum Beispiel die sommerlichen Draußensitzmöbel, die winterlichen Schneeschaufeln oder auch einfach Kaminholz. Nur teils ist dies auf die noch nicht vorhandenen Schuppen zurückzuführen.

Desweiteren kennt jedes Großstadtkind das Phänomen verschlossener Müllplätze. Hier stehen die Mülltonnen einfach so herum, und wir könnten bspw. unseren Müll einfach nebenan eintüten. Bei überwiegend Einfamilienhäusern spielt soziale Kontrolle natürlich eine große Rolle: Wenn die Nachbarn eine vor ihnen nicht entsorgte Mülltüte in ihrer Mülltonne entdecken, denken die wahrscheinlich „Kombiniere.“

Früher zumindest ging man in Miethäusern je nach Temperament mit einem Tablett Kurzer oder auch ohne herum und stellte sich kurz vor. Zugegebenermaßen habe auch ich derlei nie getan, was an meiner latenten sozialen Phobie liegen mag. Sowas geht hier anders. Man wird zu einer winterlichen Gartenparty mit Feuerschale, Grill und Glühwein eingeladen, die für die Bewohner der Straße gegeben wird. Zweck des Ganzen schien vor allem die In-Augenscheinnahme potentieller Helfer bei Arbeiten am/ums Grundstück zu sein, aber wir sind ja Mieter und müssen am Grundstück (hoffentlich) nicht so wahnsinnig viel arbeiten. War aber trotzdem sehr nett. Insbesondere der süße Nachbarsjunge von gegenüber, der im zarten Alter von noch nicht einmal zwei Jahren seinem Vater sehr brav stets bei allen Arbeiten rund ums Grundstück zur Hand geht.

Die Party trug gestern bereits Früchte: Vom Fenster aus beobachteten wir geordnetes gemeinsames Beräumen der Straße, die als verkehrsberuhigt städtischerseits wahrscheinlich erst im Mai planmäßig geräumt werden würde. Ein dadurch induziertes schlechtes Gewissen führte letztlich dazu, dass auch wir das dringende Bedürfnis verspürten, vor „unserem“ Haus Schnee zu schieben, just im selben Moment, als unsere 80jährigen Mitbewohner einem ähnlichen Bedürfnis nachgehen wollten. So haben wir wenigstens Greisenkraft gespart und beim Schneeschieben großen Spaß gehabt. Jetzt will ich aber auch die türkise Schneeschippe haben!

In so einem spießigen Wohngebiet wird auf der Straße gegrüßt, nicht nur im Haus. Und nicht nur Personen, die man kennt. Die Post kommt mit dem Auto, nicht mit dem Fahrrad. Straßenbeleuchtung erscheint eher fakultativ, dafür sind die meisten Bewegungsmelder der Hausbeleuchtungen eher liberal eingestellt und kompensieren dieses. Und anfangs wurden wir frühmorgens wach, wenn das Zeitungszustellauto zu hören war, bremsend, türschlagend, türschlagend, anfahrend, bremsend, türschlagend, türschlagend usw.

Innen ist einiges doch auch anders. Unser Hauptwohnraum ist zehn Meter lang, an einem Ende die Küche, am anderen die Anlage, an der inneren Längsseite tummeln sich verteilt die Boxen (Kabel hinter Putz verlegt :-D), in Küchennähe befindet sich der bislang favorisierte Hauptaufenthaltsplatz Esstisch. Eine von mir bislang absolut verachtete Praxis macht sich breit: CD per Fernbedienung erneut starten, wenn zuende. Der Weg zum CD-Wechseln ist so weit, und dann auch noch die Entscheidungsfindung… aber mehr als zweimal ist eigentlich nicht erlaubt. Die Treppe, die auch des nachts notfalls zwischen Schlaf- und Badezimmer überwunden sein muss, stört hingegen eher weniger als erwartet. Es nervt jedenfalls nicht mehr als vorher, wo der Weg deutlich kürzer war. Insgesamt sind es nach wie vor mindestens 20 m² zu viel, aber ich gebe zu, dass Platz, vor allem in luxuriöser Verfügbarkeit, auch tatsächlich was hat.

Also alles anders, aber gut. Umstellung läuft. Fehlende Stadtnähe in Verbindung mit *nicht mehr im Einzelhandel tätig* bringt mir vor allem eins: Weihnachten und die Adventszeit schleichen nahezu unbemerkt an mir vorbei. Kein Weihnachtsstress. Wenige Schwippbögen. Ein Elch auf dem Dach. Wo kein Radio, da kein Last Christmas. Weihnachtsmarkt wird bewusst und geplant aufgesucht. Ansonsten Schiffsverkehr, Winter, Schnee, Kälte, mal Wind. Alles gut.

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Eine Antwort zu Anders wohnen

  1. naehmarie schreibt:

    nachbarn wie im film und 20 ungenutzte qm! woah, neid! spezi gibt’s im späti. und ich glaub der würde mir wohl echt fehlen. 😉 alles andere klingt ziemlich toll und würde ich sofort gegen akuten parkplatzmangel und brennende ktv-mülltonnen eintauschen. schön habt ihr’s da drüben!

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