Max Goldt im Zirkus Fantasia im Rostocker Stadthafen

Am Dienstag erlebten wir unsere erste kulturelle Veranstaltung seit dem Kängurufilm kurz vor dem ersten Lockdown. Max Goldt las vor.

Das war übrigens die „Garderobe“, in der man offensichtlich nur herumstehen konnte, jedenfalls war es das, was Max Goldt während der Pause tat.

Max Goldt begleitet mich schon fast mein gesamtes Erwachsenenleben lang. Ich habe die Bücher verschlungen, ich bin heute noch ein wandelndes Zitatelexikon seiner Texte, insbesondere besonders gelungener Formulierungen und Neoplasmen (Klofußumpuschelung, Infotainmentmuschi). Einige seiner Texte sind mir zu maniriert, zu konstruiert, am liebsten mag ich die, die sich quasi wie Tagebucheinträge lesen, auch wenn natürlich nicht alles 1:1 genau so passiert ist. Mit seiner Musik komme ich auch nicht so gut zu recht, aber ich mag viele der Comics, die er zusammen mit dem Zeichner Stephan Katz veröffentlich, und ich habe gerade kurz vor der Lesung den neuesten Comicband erworben, aus Gründen, die rein gar nichts mit dem Titel zu tun haben.

(Psycholog:innen kennen dieses Gefühl.)

Am schönsten ist es jedoch, sich von Max Goldt seine Texte live vorlesen zu lassen. Er kann das gut, besonders vor Publikum. (Ich habe inzwischen viele seiner Hörbücher, und die im Studio eingesprochenen Texte mag ich nicht so. Zu gestelzt, zu sehr auf Perfektion getrimmt.) Das erste Mal sah und hörte ich ihn in Berlin im Deutschen Theater, später auch in Bielefeld, während des Praktikums nochmal in Berlin, mehrmals in Rostock. In Rostock war seine Lesung im Peter-Weiß-Haus meine persönliche Begrüßung, ich glaube, ich wohnte noch keine Woche in Rostock, als er auftrat. In guter Erinnerung ist mir geblieben, dass im Peter-Weiß-Haus damals sehr viel gebaut wurde und es quasi direkt hinter der Bühne ein großes Loch gab. Somit ging Max Goldt nicht wirklich hinter die Bühne, um den Zugabenapplaus abzuwarten (was er ohnehin nie unnötig in die Länge zog), sondern sich mehr oder weniger einfach in den Vorhang wickelte, um dann sofort wieder zu erscheinen und mit Verweis auf den hinter ihm lauernden Abgrund alsbald mit der Zugabe begann.

Am Dienstag genossen wir einen schönen lauen Sommerabend in einem halboffenen Zirkuszelt, die Bestuhlung war mit Abstand, alle waren fröhlich und gelöst, es mussten keine Masken getragen werden, es war einfach wunderschön. Ich mochte fast alle vorgelesenen Texte, es gab ausreichend zu lachen, meine Kollegin war mit dem Angetrauten ebenfalls da, es war… ich wiederhole mich.

Für Max Goldt war es wohl die erste Lesung mit unmaskiertem Publikum (es gab mehrere Lesungen in der Schweiz und in Süddeutschland, aber eben mit Masken im Publikum), was er gleich zu Beginn thematisierte und zum Ausdruck brachte, dass es für ihn bei aller Vernunft pro Maske sehr schwer sei, vor maskierten Menschen zu lesen.

Und das Verrückte war, dass es mich nicht gestresst hat. Sonst krieg ich ja schon Puls und Blutdruck bei jedem Nasenpimmel in der Straßenbahn, aber dort war es für mich sehr okay, es fühlte sich okay an, es trug zu dieser gelösten Stimmung bei. Naja, und ich dachte halt, wir sind durchgeimpft.

Nach Hause brachte uns dann ein für Rostocker Verhältnisse extrem aussprachebereiter Taxifahrer, und am nächsten Morgen konnten wir ausschlafen! Und es hat der Lady gefallen, das war nach Austesten von Hörbüchern zuhause nicht ausgemacht :*

Ein wundervoller Abend ❤

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2 Antworten zu Max Goldt im Zirkus Fantasia im Rostocker Stadthafen

  1. Frau Tonari schreibt:

    Ach, das freut mich aber sehr für euch.
    Kultur ist so wichtig fürs Wohlbefinden.
    Bei uns ist 2020 so viel an geplanten Veranstaltungen weggefallen, dass ich mich nun vorerst nicht mehr traue, lange im Voraus Karten zu ordern.
    Max Goldt kenne ich nicht und da ich auch kein so großer Hörbuchfan bin, gehen bei Lesungen immer meine Gedanken spazieren statt zuzuhören. *Augenverdrehsmiley“

    • hafensonne schreibt:

      Haha, das dachte ich früher bei mir auch. Aber seit Marc-Uwe Kling in mein Leben getreten ist, hat sich das (zumindest für bestimmte Künstler:innen) geändert.

      Marc-Uwe wäre ja nach dem Kängurufilm das nächste kulturelle Event gewesen. Am 14. und 15. März 2020 😦 Das Einlesen von Qualityland 2.0 vor Publikum. Im Mehringhoftheater. Am Donnerstag haben wir entschieden, nicht zu fahren. Am Freitag kam dann die Absage vom Veranstalter. Hotel mussten wir stornieren, da noch keine offizielle Schließung war, geschah das auf Kulanz. Marc-Uwe wurde dann erst in den Juni und dann in den September verschoben und fand dann letztlich nicht vor Publikum statt. Das Hörbuch gefällt trotzdem, aber es fehlt was.

      Grundsätzlich mag ich die Hörbücher lieber als Liveevent, im Studio geraten sie oft zu fad. Und ich muss nebenher noch was anderes machen. Zuhause ist das meist Küche aufräumen und kochen, auf dem Arbeitsweg spiel ich derweil am Händi. Dein Problem der spazierenden Gedanken kenne ich nämlich auch zu gut.

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