Kuriosita

Es gab einen Oberarztwechsel auf einer Station. Der „neue“ (neu isser natürlich nich, war nur vorher für die Notaufnahme zuständig, und von dort bekomme ich naturgemäß keine Patienten) Oberarzt ist nun nicht ganz unberechtigterweise der Meinung, in einem Arztbrief von der Uniklinik dürfe nicht „Demenz“ drinnestehen, wenn hier keiner die Demenz „objektiviert“, sprich diagnostisch gefasst und differentialdiagnostisch eingefasst hat. Ich kann aber nicht den lieben langen Tag sämtliche Patienten seiner Station auf Demenz untersuchen. Das geht schon aus Kapazitätsgründen nicht. Wie bereits früher angemerkt, lasse ich mich selbstverständlich lieber über- als unterschätzen. Aber wie soll ich einen Patienten, der nicht spricht, weil er auf der Seite liegt und gerade eine Ente untergeschoben bekommt, oder einen vollkommen apathischen, bettlägerigen Patienten untersuchen? Und zum Teufel, warum? Wer über 80 ist, Pflegestufe 3 hat und im Heim lebt, hat sicherlich andere Probleme als die Frage, ob er eine reine Alzheimer-Demenz oder doch eine vaskuläre Mitbeteiligung oder gar eine ganz und gar andere Demenz hat. Wer 90 ist und gerade einen Schlaganfall überlebt hat, interessiert sich nicht die Bohne dafür, wer gerade Bundeskanzler ist und welche drei Worte ich vor zwei Minuten aufgesagt habe. Oder, das war aber ein anderer Oberarzt, und der war glaub ich an meiner Beauftragung unschuldig, ein Herpes-Simplex-Encephalitis-Patient, der weder verständlich sprechen noch Gesprochenes adäquat verstehen kann, hat verständlich wenig Interesse daran, wie gut sein Gedächtnis noch funktioniert, denn er leidet an einer Erkrankung, die unbehandelt bei 80% der Betroffenen zum Tode führt und selbst behandelt, wie bei uns, auch nicht unbedingt eine gute Prognose hat. Ehrlich gesagt war ich sogar schockiert, dass die Assistenzärztin mir mitteilte, besser als so, wie er gerade sei, werden wir es wohl nicht hinbekommen. Aber Hauptsache, er bekommt noch eine schöne Neuropsychologie!

Andere Geschichte. Icke fahre morgens an meine Kreuzung. Inzwischen ist mir bekannt, dass unter narbenlosem Asphalt und damit nicht erkennbar eine sogenannte Schleife liegt, ohne deren Befahren durch ein Auto die Ampel gar nicht grün wird. Ick komme also an und entdecke ein Auto, ca. 2m von der Haltelinie entfernt. Aha, denke ich, ob das man reicht? Da die Fußgänger schon rot hatten, konnte ich nicht mehr auf legalem Wege eine Grünschaltung provozieren. Jedenfalls wird es natürlich nicht grün. Als die Hauptstraße wieder rollt, fahre ich beim Fahrer rechts ran und lasse ihn wissen, dass er weiter vorfahren müsse, wenn er irgendwann mal die Straße überqueren möchte, da sei eine Schleife drin. Völlig erstaunt schaut er mich an und sagt, „Aber da standen Sie doch!“

Gestern wollten wir Kaffee in der Caféteria holen, da hätten wir glatt übers Rea-Team* steigen müssen – akuter Herzinfarkt. Haben wir natürlich nicht gemacht. Ist aber alles gutgegangen. Trotzdem interessant, dass das Klinik-Rea-Team schließlich auch 112 rufen muss.

Ebenfalls gestern einen Vortrag über mitochondriale Myopathien angehört. Kommentar des Kapitäns: Kann man das essen? Viel mehr kann ich dazu auch nicht beitragen, aber essen kann man es definitiv nicht, und schön ist es auch nicht.Guter Redner (hochdeutsch redender Bayer mit scharfer Intonation), aber eine Frage blieb: worüber redest Du, Väterchen?

*Reanimationsteam. In dem Fall unsere glorreiche Besatzung der Notaufnahme.

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