Hauptsache Plan A steht

Zu einem Plan A auch Plan B-Y zu haben, scheint irgendwie aus der Mode gekommen zu sein. Das verstehe ich nicht. Oft gibt es gute Gründe anzunehmen, dass Plan A eventuell nicht aufgeht, und dann ist es doch gut, wenn man eine Alternative zur Hand hat, die auch gut vorbereitet ist. Redundanz heißt das Zauberwort. Lebenswichtige Systeme sollten doppelt, und enn möglich, in unterschiedlicher Weise zur Verfügung stehen. Allein schon der sogenannte zweite Rettungsweg (in unserem Fall eines unserer Dachfenster, aus dem man notfalls auf die Drehleiter der Feuerwehr, insofern nicht die Straße zugeparkt ist, aussteigen könnte) zeigt doch auf, dass es selten klug ist, auf die eine, zwingend funktionierende Lösung zu setzen.

Aber irgendwie ist das nicht mehr in.

„Neenee, das wird nicht passieren. Damit rechnen wir nicht. Davon ist nicht auszugehen. Wir gehen davon aus, dass alle vernünftig handeln.“

Hansesail 2021. Die Hansesail ist DAS Großereignis hier. Vor der Pandemie bescherte sie Rostock ca. eine Million Besucher:innen, die eng an eng über den Rummel und durch die Märkte schlenderten und zahlreich an ebenfalls eng besetzten Segeltörns und anderen Ausfahrten teilnahmen, die hier essen und trinken gingen, irgendwo übernachteten, einkauften, da waren.

Letztes Jahr fiel sie aus Gründen aus.

In diesem Jahr soll sie bei nahezu gleichen Infektionszahlen wie im vergangenen Jahr in einer abgespeckten und „sicheren“ Variante stattfinden. Veranstaltungsorte sollen entzerrt werden, selbstredend gibt es Tests und beschränkte Zugänge nur für Geimpfte und Genesene.

Jetzt haben wir eine Situation. Die Haedgehalbinsel soll abgeriegelt werden und max. 15.000 Menschen unter oben erwähnten Voraussetzungen Zugang durch entsprechende Einlassschleusen bekommen. Die Haedgehalbinsel heißt nicht ohne Grund so. Sie ist von dreieinhalb Seiten von der Warnow umgeben. Die vierte Seite wird von einer der meistbefahrenen Landesstraßen in MV gebildet, der L22, vulgo „Am Strande“. Um gefährliche Ausflüge auf diese Straße zu vermeiden, soll diese Flanke abgezäunt werden.

Die Situation sieht also so aus: Wir haben nach drei Seiten Wasser und nach der vierten Seite einen Zaun. Wir haben bei einem Ereignis, das zuvor Hunderttausende angezogen hat, eine Beschränkung auf 15.000 (an diesem Veranstaltungsort) mit entsprechenden Einlasskontrollen. Es gibt also praktisch weder Fluchtwege noch eine Idee, was mit den Menschen passieren soll, die quasi auf der L22 darauf warten, eventuell eingelassen zu werden, wenn ein paar andere Leute die Veranstaltung verlassen.

Ich sage es ungern, aber mir kam sofort Duisburg in den Sinn. Auch dort gab es ein Veranstaltungsgelände, das man nur auf dem gleichen Weg verlassen konnte, wie man es betreten hatte, und dort entstand das Problem auch vor allem dadurch, dass mehr Leute auf das Gelände wollten, als dort zugelassen war. Hier in Rostock kann man halt noch ins Wasser springen, aber das kann ja wohl nicht Teil von Plan A sein.

Kommentar der Verwaltung: Wir gehen nicht davon aus, dass es nennenswerte Warteschlangen vor den Einlassschleusen geben wird. Außerdem gibt es ja anderswo auch noch attraktive Veranstaltungen.

WTF?

Ich persönlich habe ja gelernt, gehe immer vom schlimmsten aus und plane danach. Dat Kölsche Jrundjesetz „et hät noch immer jutjejange“ ist eigentlich nicht das der Mecklenburger:innen. Ich habe in der Pandemie leider lernen müssen, dass die meisten Leute doch eben nicht das vernünftige tun, sondern das „das habe ich mir jetzt aber verdient, ich habe lange genug verzichtet, jetzt bin ich schon hier, dann will ich da auch rein, und wieso überhaupt Maske, ihr übertreibt doch alle voll.“

Und es scheint keinen Plan B für „Ups, da stehen jetzt doch voll viele (Volle) vor den Toren und begehren Einlass und NEIN wollen nicht stattdessen zum IGA-Park“ zu geben. Das ist doch einfach krass.

[Es gab ein Luftbild in der Ostseezeitung, auf dem das Problem gut zu erkennen ist, es gibt Graphiken, die den Unterschied zwischen Loveparade im Berliner Tiergarten und Loveparade in Duisburg deutlich machen, ich finde beides nicht mehr, letzteres habe ich in meinem alten Blog mal verbloggt, bitte duckduckgoen.]

Ich wollte zum Thema noch das Wahlprogramm der CDU aufgreifen, das ja ähnlich aufgebaut ist (Alles was wir versprechen, funktioniert nur bei krassem Wirtschaftswachstum, falls die Wirtschaft nicht wächst, haben wir auch keinen Plan B), aber ich habe keine Lust mehr. Zumal ich es dafür wahrscheinlich lesen müsste, und warum sollte ich das tun?

Man kann nicht immer einen Plan B haben, aber in kalkulierbare Situationen hineingehen und erwartbare Alternativszenarien einfach zu ignorieren nach dem Motto „das wird schon nicht passieren“, halte ich politisch und gesellschaftlich für unreif.

Dieser Beitrag wurde unter lästerei, nachdenkereien, pandemie, rostock veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu Hauptsache Plan A steht

  1. Anikó schreibt:

    Aiaiai! Das ist echt deren Plan? Wie Dir kam mir als erstes Duisburg in den Sinn… Hoffentlich basteln die noch Plan B und es wird alles gut gehen.

    • hafensonne schreibt:

      Ich hoffe alles geht gut, aber ich werde ganz bestimmt nicht auf die Haedgehalbinsel gehen. Man konnte ja auch schon präpandemisch bei der Hansesail sehen, wie gut Rück- und Umsicht bei einer Massenveranstaltung funktionieren… insbesondere im Zusammenspiel mit Substanzen.
      Ich sehe auch bei der Buga-Planung ähnliche Defizite. Vieles ist geplant, viel Großes (Brücke über die Warnow, Neugestaltung Fährberg, Neubau Wohngebiet an der Warnow, Markthalle im Stadthafen), und wann ist der erste Spatenstich überhaupt? Ende 2022. Da fehlen mir die Worte. Dass Großbaustellen, die auch entsprechende Gewerke und Vorlauf brauchen, in jüngster Vergangenheit häufig Schwierigkeiten hatten, allzu ehrgeizige Planziele einzuhalten, ist nun nichts Neues.

      • Anikó schreibt:

        Oh man! Wann soll die Buga nochmal stattfinden? Wobei abgesehen von den ganzen Planungen, ne Markthalle fände ich sehr großartig! ☺️

    • hafensonne schreibt:

      Ich glaube 2025… aber wir wollen ja auch jährlich 10 km Radweg bauen, da scheitern „wir“ ja schon an den fehlenden Planer:innen in der Verwaltung.
      Markthalle ist toll, Markthalle IM STADTHAFEN ist MEGA, weil da können wir notfalls sogar hinlaufen, und wenn ich mit dem Rad unterwegs bin, liegts direkt am Heimweg ❤

      • Anikó schreibt:

        Ja, wenn vernünftig gemacht (Angebot, Öffnungszeiten), wäre es eine richtige Bereicherung. Die in Kassel war zum Beispiel super ☺️

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s