Es gibt eine Situation, wenn man in Rostock mit dem Fahrrad in die Arbeit fährt.

Eine?! Hunderte!

Ich fahre mit dem Fahrrad zur Arbeit. Das geht so: Fahrradtasche packen, runter zur Garage, Fahrrad rausholen, Tasche antüdern, los. Erst geht es brisant steil den Bliesathsberg hinunter in die Grubenstraße. Dort jedesmal beten, dass kein:e eilige:n Autofahrer:in hinter mir drängelt. Die Straße wäre breit genug für ein gutes und ungefährliches Nebeneinander von Rad und Auto, aber man hat sich, vermutlich als symbolische Erinnerung an die Hafenbahn, für eine stylistisch langweilige Gestaltung der Mitte im Sinne eines angedeuteten Grabens entschieden. Der ist völlig nutzlos, verdeutlicht genau nix und führt nichtmals Wasser, nimmet aber den Platz für eine breitere Fahrbahn. Die würde sogar reichen, in der Grubenstraße braucht es kein Radweg. Aber so wie es jetzt ist, können Autos halt nicht überholen, und das führt im Berufsverkehr schon mal zu zuckenden Gasfüßen.

Dann Kreuzung Grubenstraße/ Am Strande. Hier gibt es eine Bettelampel, die dazu führte, dass ich eine komplette Ampelphase lang auf grün warten musste, weil ich nicht rechtzeitig genug ankam, um durch das Drücken noch eine Grünphase für mich auszulösen. Mit der Abschaffung der Bettelampeln würde den Autofahrer:innen genau nichts weggenommen werden, weil das drücken der Taste im Ampelphasen überhaupt nichts verändert, außer dass eben ungedrückt für Fußgänger:innen und Radfahrer:innen nicht grün wird. Was für ein Schwachsinn.

An sich ist es nun schön, weil man einige Kilometer kreuzungsfrei durch den Stadthafen cruisen kann, aber warum es in den zehn Jahren, seit ich hier lebe und da langfahre, immer noch keine feste durchasphaltierte Strecke für den Radverkehr gibt, stattdessen immer noch dieselbe zusammengestoppelte, teils schlecht gepflasterte Notlösung herhalten muss, ist mir in der „Fahrradstadt“ Rostock völlig unklar. Der Stadthafen ist ein echtes Filetstück für eine Teilstrecke als Schnellradweg.

Dann Berg hoch und Carl-Hopp-Straße. Radweg auf dem Fußweg. Geht um diese Zeit ganz gut (wenig Fußgänger:innen). Der endet allerdings abrupt bei Harrys Fliesenparadies und wird auf die vom motorisierten Berufsverkehr stark frequentierte Straße gespült. Danke nein, ich verstoße zum ersten Mal gegen die STVO und fahre (wie ca. 80% der anderen Radler:innen) auf dem Fußweg weiter. Viel Gegenverkehr, denn viele Radfahrer:innen wollen auch in der Gegenrichtung nicht auf der Straße fahren, einen Fußweg gibt es gegenüber nicht. Übrigens wäre an sich genug Platz für beidseitige sichere Radlösungen.

Dann kommt der Zebrastreifen, der zur Fahrradstraße parallel zur S-Bahn zwischen Bramow und Marienehe führt. Mit dieser Radstraße kann man prima den extrem nervenden Fischereihafen umfahren. ABER IN WAS FÜR EINEM ZUSTAND IST DIESE RADSTRAßE? Womit soll ich hier fahren? Es ist doch wohl nicht zuviel verlangt, eine der wenigen ausgewiesenen Radstraßen in Rostock mit einer ordentlichen Asphaltdecke zu versehen. Dafür braucht man keine große Planung (das ist derzeit die Ausrede für den stockenden Ausbau der Radinfrastruktur), denn das dürfte ja alles vermessen und bereits ausgewiesen sein.

Ab dann wird es einigermaßen gut, Schmarler Damm und dann rüber nach Evershagen. Wobei einem auch hier sauer aufstößt, dass sich auf dem erst im letzten Jahr fertiggestellten Brückenbauwerk über die Stadtautobahn Radfahrer:innen und Fußgänger:innen sich erneut mit einer geteilten Lösung auf nur einer Seite abfinden müssen. Die Brücke, die zuvor die Straßenbahn und S-Bahn überquert, ist in einem Zustand, der jeder Beschreibung spottet. Die Gehwegplatten sind ungelogen noch aus der Zeit der Erstbebauung, also mindestens 30, eher 40-50 Jahre alt, und so fahren sie sich auch.

In der Bertolt-Brecht-Straße gibt es dann noch einmal eine Ampelsituation. Ungelogen wird eine Fußgängerampel grün für ca. drei Sekunden, dann springt sie wieder auf rot, während die Autos in derselben Richtung noch lange grün haben. Da fahre ich inzwischen bei rot, wenn die Autos noch grün haben (nächster STVO-Verstoß, und ich fahre eigentlich NIE bei rot, auch wenn nix kommt). Ansonsten ist der restliche Weg entspannt, denn der Radweg in der St.-Petersburger-Straße wurde im vergangenen Jahr grundsaniert. (Das ist KEIN Neubau liebes Rathaus!)

Mindestens die Hälfte der Strecke könnte also mit vergleichsweise geringen Mitteln sicherer und komfortabler gestaltet werden. Der größere Teil ist in den vergangenen zehn Jahren nicht einmal reparaturmäßig angefasst worden. Die Ampelschaltungen sind teilweise eine Zumutung. Seit ich hier lebe, haben wir den grünen Verkehrssenator Holger Matthäus, vor zwei Jahren wählten die Rostocker:innen den dänischen Claus Ruhe Madsen zum Oberbürgermeister, der sich unter anderem einer deutlichen Verbesserung der Radinfrastruktur verschrieben haben will. Geschehen ist GENAU NIX. Nicht mal die paar Kilometer Radweg, die nach dem Radentscheid eigentlich verpflichtend im Jahr NEU gebaut werden müssen, schafft diese Stadt. Ein einzelner Kilometer Rad“schnell“weg in der Südstadt, den sich bei drei Meter Breite die Radfahrer:innen noch mit Fußgänger:innen teilen dürfen und der mit Abbremsschikanen beginnt und endet, wurde gefeiert wie wahrscheinlich in Eindhoven diese spektakuläre Kreisverkehrsüberbrückung.

Danke für nix.

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3 Antworten zu Es gibt eine Situation, wenn man in Rostock mit dem Fahrrad in die Arbeit fährt.

  1. januarsonne schreibt:

    Danke für diese Reise durch Rostock. Bin Mitte der 2000er eine ähnliche Strecke sehr oft gefahren. Ab Bertolt-Brecht-Straße über Marienehe bis Burgwall oder Schröderstraße. Sehr schöne Erinnerung gerade. Der Zustand der Wege und Straßen war auch damals schon schlecht.

    • hafensonne schreibt:

      Über diesen „Weg“ neben der Straßenbahn? Das war ursprünglich mein Rückweg gewesen, weil ich nicht gegen die Fahrtrichtung durch den Fischereihafen wollte. Wenn der „Weg“ nicht so grässlich geschottert, sondern asphaltiert wäre, würde ich ihn eventuell immer noch benutzen. Aber die Fahrradstraße ist dann, trotz aller baulichen Mängel, doch besser. Und der Weg ist insgesamt kürzer.

      • januarsonne schreibt:

        Ja genau. Zwischen Evershagen und Marienehe der Weg neben der Straßenbahn. War nicht schön, aber ohne große Störungen. Nur im Dunklen war mir das nix. Also auf dem Rückweg dann lieber beleuchtete Wege und zumindest bewohnte Ecken.

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