Frau Herzbruch gendert und ich mache mit

Frau Herzbruch schreibt mir aus der Seele und dann auch noch mit höchster Fachlichkeit, danke dafür.* In den Kommentaren viel Zustimmung, aber auch feinstes Mansplaining mit allerfeinsten Antworten.

Als ich neulich las, irgendein alter weißer Mann möchte das Gendern verbieten, musste ich schon arg schmunzeln, weil ich da schon dachte, das wird sich einfach nicht mehr aufhalten lassen. Wie will man *irgendetwas* in der Alltagssprache verbieten? (Komischerweise ist hier auf einmal verbieten voll okay, solange es halt nicht von den Grünen, sondern besagten (nicht immer nur alten) weißen Männern kommt.) Es gibt schon länger Institutionen und Einrichtungen, Firmen und Behörden, die ihren Mitarbeiter:innen vorgeben, wie sie geschlechterneutral formulieren sollen.

Ich fand geschlechtergerechte Sprache auch lange, sehr lange, selbst noch an der Uni, wo das durchaus ein prominentes Thema war, überflüssig, bäh und braucht-man-nicht. Ich bin mit arbeitenden Frauen aufgewachsen (DDR-Kind halt), es war für mich völlig klar, dass ich IMMER mein eigenes Geld verdienen werde und mich nicht auf eine:n wie auch immer gearteten Ernährer:in verlassen werde. Aber irgendwann fing der Stachel an zu löcken. Stieß es mir immer wieder auf, wenn auch in sogenannten bzw. selbsternannten Qualitätsmedien von „Ärzten und Schwestern“ die Rede war, wo doch bei uns in der Neurologie sehr viele Ärztinnen und Brüder arbeiteten. Nervte es mich, dass es zehn Oberärzte und null Oberärztinnen waren (inzwischen eine Funktionsoberärztin). Stellte ich Unmut fest, als ich bemerkte, dass in zahlreichen internen, aber auch öffentlichen Dokumenten meiner neuen Arbeitgeberin immer noch sehr salopp das übliche „Aufgrund der besseren Lesbarkeit verwenden wir nur die männliche Form, die Damen und alle anderen dürfen sich gerne mitgemeint fühlen“ angewendet wird.

Ich wollte mich und andere Frauen nicht mehr mitgemeint fühlen dürfen. Wir sind die Hälfte der Bevölkerung und haben ein Recht darauf, in der Öffentlichkeit stattzufinden. Zudem ich nicht weiß, ob es eine zufällige Korrelation ist oder eben doch die Systematik des Verschweigens der Existenz von Frauen, dass die vielfach vor allem von Frauen unbezahlt und ungewürdigt verrichtete Care-Arbeit ebenso verschwiegen wird. Und deshalb habe ich keinen Bock mehr.

Dann hörte ich den Adventskalenderpodcast von Frau H. und Frau N., in dem es in einer Folge um geschlechtergerechte Sprache ging. So. Mehr Argument als das einer Linguistikprofessorin geht nicht. Und seitdem mache ich das, also ich versuche es.

*Auch wenn der Text von Frau H. etwas fachlastig beginnt, tapfer dranbleiben, es lohnt sich. Und die Kommentare auch lesen!

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10 Antworten zu Frau Herzbruch gendert und ich mache mit

  1. Klagefall schreibt:

    Bei *Alltagssprache* musste ich schmunzeln. Bei *vorgeben* nicht.

      • Klagefall schreibt:

        Es ist nicht mein Eindruck, dass geschlechtergerechte Sprache eine Alltagssprache ist. Ich finde, das ist eher ein Elitenprojekt und weil die Sprache so wenig ökonomisch und damit alltagstauglich ist, bedarf es Vorgaben von oben, um das durchzusetzen. So funktioniert Sprachwandel aber nicht, Sprachwandel macht die Sprache einfacher, nicht komplizierter. (das ist im verlinkten Artikel auch gut beschrieben). Im Ergebnis gibt es zwei Sprachen, eine öffentliche-korrekte und eine private-unkorrekte. Insofern bedürfte es meines Erachtens einer Lösung, die einfacher als das Generische Maskulinum ist und sich vor allem auch in die gewachsene Grammatik der Sprache einfügt (das funktioniert mit den jetzigen Versuchen nicht).

    • Frau Tonari schreibt:

      Ja, ich bin mir bewusst, dass Sprache das Bewusstsein bestimmt, aber
      Genfer-Sternchen, Gender-Gap, Gender-Doppelpunkt schmerzen beim Lesen meinen Augen. In dieser Art künftig Bücher lesen zu müssen, wird mich in die Arme älterer Literatur treiben. Gut für meinen Stapel ungelesener Bücher. Vielleicht sollte ich ihn vorsorglich noch ein wenig mehr anwachsen lassen? 😉

      • Überläufer schreibt:

        So einfach ist es eben nicht, auch wenn es immer wieder behauptet wird. Gerade das Gendern könnte eben auch dazu führen, dass die Menschen Barrieren aufbauen und sich Frauen plötzlich nicht mehr angesprochen fühlen. Die Frage ist, was ist Ursache ud was ist Wirkung.

        https://uberlaufer.wordpress.com/2021/01/25/sprachliche-vorherbestimmung/

      • hafensonne schreibt:

        Literatur ist natürlich noch einmal ein ganz anderes Thema. Da sehe ich das Problem gar nicht so, weil es ja in der Regel definierte Protagonist:innen (haha) gibt. Mir geht es vor allem erstmal um die Alltagssprache, Behördensprache, Verlautbarungen, öffentliches eben. Seit einiger Zeit ist man ja dabei, Partizipien zu verwenden (Studierende, Teilnehmende, Mitarbeitende), das wiederum löst in meinem Grammatikmuskel Muskelkater aus.

        Mir behagt der Doppelpunkt auch beim Lesen am meisten, das Sternchen, den Unterstrich und das Binnen-I finde ich auch eher anstrengend. Zumal sich die erbitterten Gegner:innen genau daran abarbeiten und sich der Doppelpunkt jetzt so hintenrum dazugeschlichen hat. (Und wie ich bei Frau Herzbruch in den Kommentaren lernte, erzeugt der Doppelpunkt beim sich-vorlesen-lassen tatsächlich eine Pause, das ist natürlich gut.)

      • Frau Tonari schreibt:

        Ich bin wahrscheinlich zu old school. Diese Pause wirkt auf mich wie eine Atempause an falscher Stelle. So als ob man zu viel in einen Satz packen wollte und am Ende merkt, dass die Luft knapp wird.
        Und ich bin gerade heilfroh, keine Austauschschüler:in bei mir zu Gast (Gast:in?) zu haben, dem/der ich das erklären muss. 😉
        Es wird sich zeigen, ob sich diese Art der Sprech- und Schreibweise durchsetzen wird. Ich glaube gelesen zu haben, dass die Mehrheit der Deutschen es noch ablehnt und für eine elitäre Sache hält.
        Beruflich mache ich mir vorerst weiter die „Mühe“, meine Kolleginnen und Kollegen anzusprechen und auf Kolleg:innen zu verzichten. 😉

      • hafensonne schreibt:

        Liebe Frau Tonari, ich habe ja gar nicht den Anspruch, dass da alle mitmachen, natürlich bist du völlig frei darin, das doof zu finden und anstrengend und alles. Und eben selbst nicht mitzumachen. Das sind ja meine langjährigen Gedanken und Gefühle gewesen.
        Im real life erlebe ich es halt ausschließlich bei Männern (auch in meinem Alter), dass sie geschlechtergerechte Sprache ablehnen und als überflüssig empfinden, während die Frauen „es“ einfach tun, ohne Grundsatzdiskussionen und ohne verbindliche Vorgaben einzufordern. Zum Beispiel meine Vorgesetzte, die dem firmeninternen „bessere Lesbarkeit blabla“ in Mails eben nicht folgt. Im Internetz erlebe ich in „meiner“ Bubble, dass es den meisten Frauen und Männern hinreichend wichtig zu sein scheint, um es auch (versuchsweise) umzusetzen.
        Die von dir erwähnte Umfrage wird auch von meinem (ansonsten Zweitlieblings-)kollegen gerne angeführt. Sie ist von Infratest Dimap im Auftrag der Welt angefertigt worden und genießt bei mir daher nicht gerade das höchste Ansehen. Zumal immer unklar bleibt, was *konkret* eigentlich gefragt wurde. Ich glaube, wenn man konkret nach „Gendersprache“ fragt, geraten viele in eine automatische Abwehrhaltung, weil es wurde ja lange genug von verschiedenen Seiten behauptet, dass „gendern“ per se linksgrünversifft und daher von Hause aus böse ist. Wenn man eher konkrete Beispiele bringe, sähe das vielleicht auch anders aus.
        Ich bin da eben bei Frau H., dass es eine kritische Masse von Minderheit gibt, die das will und die das inzwischen recht konsequent, wenn auch nicht einheitlich umsetzt, und daurch wird es in der Allgemeinsprache auch ankommen. Du, von mir aus können wir auch weiterhin Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sagen. Das ist mir sogar wurst. Besser als Mitarbeitende, das ist gerade der Weg der Arbeitgeberin, und das finde ich schlimmer als Mitarbeiter:innen. Ich bin keine Mitarbeitende. Wenn wir uns mit Doppelpunkten und einem *kurzen* Gap in der gesprochenen Sprache von diesen unsäglichen Partizipien wegbewegen, soll es mir recht sein.
        Viele liebe Grüße von der Ostsee in meine alte Heimat, und euch einen schönen Rest-Sonntag, liebe Tonaris ❤ ❤

      • hafensonne schreibt:

        @Überläufer: Naja, ohne geschlechtergerechte Sprache werden Frauen ja auch nicht angesprochen, ich finde, auf den Versuch käme es an. Wenn es nicht funktioniert, wird es sich ohnehin nicht durchsetzen. Insofern finde ich nichts, was dagegen spricht, es zu probieren. Es kann ja nicht schlechter werden als vorher.

    • hafensonne schreibt:

      Ich habe ja auch nicht behauptet, dass geschlechtergerechte Sprache derzeit Alltagssprache sei. Ich wünsche mir einfach nur, dass Frauen in der Alltagssprache präsenter sind und nicht nur „ganz lieb mitgemeint“, denn das funktioniert offensichtlich nicht. Auf welchen Wegen das geschieht, ist mir eigentlich fast völlig wumpe.

      Sobald es nicht mehr die Frage ist, OB Frauen in der Alltagssprache präsenter sein sollten, sondern nur noch die Frage des WIE, werden sich da auch gute und sprachökonomische Lösungen finden lassen, die in den Alltag einmünden. Da habe ich überhaupt keinen Zweifel dran und das war für mich auch die Aussage des Beitrags von Frau Herzbruch.

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