Stationärer Einzelhandel

Schon lange präpandemisch wurde viel, viel gejammert und geklagt, die Menschen gehen nur noch in diesem Internetz einkaufen, die Innenstädte veröden, der Einzelhandel stirbt etc. pp.

Das ist in der Pandemie natürlich nicht besser geworden. Lange mussten große Teile des Einzelhandels schließen, und ich habe den Verdacht, die aktuellen Öffnungen haben weniger mit dem Infektionsgeschehen als viel mehr damit zu tun, dem Einzelhandel noch einmal eine Chance zu geben.

Schon präpandemisch kaufte ich vieles online, ja, auch beim pöhsen A. Das allermeiste davon hätte ich hier in Rostock nirgendwo bekommen. Besondere Spezialitäten. Besondere Gerätschaften. Besondere Bekleidung. Besondere Produkte eben, für die es hier keine Läden gibt. Dinge, die man über einen Laden bestellen kann, zum Beispiel Gebrüder Suhl oder Nordcamp, die habe ich auch in diesen Läden gekäuft. War in der Regel nicht teurer als im Internetzt.

Intrapandemisch wurde das natürlich nochmal mehr, mit diesem onlineschopping. Es war doch auch viel einfacher! Click&collect, das ist doch keine Lösung. Anrufen, bestellen, Termin ausmachen, testen lassen… um dann genau einen Topf zu kaufen oder was. Bei Ikea kostet das zusätzlich 10 Euro, ich bin nicht knickerig, aber dafür, dass sie ihre Kundenströme steuern können und die ganze Vor-Ort-Logistik so nicht aufrechterhalten müssen, finde ich das fast schon unverschämt. Online in Ruhe aussuchen, einloggen, *bestellgeräusch*, und ein paar Tage später schleppt unser fantastischer DHL-Bote (keine Ironie!) die schwersten Pakete zu uns nach oben.

Heute waren wir im stationären Einzelhandel. Bei Ikea und im Bauhausbaumarkt. Beides sehr gezielt sehr geplant, es ging um eine Bettdecke und einen Sonnenschirm.

Der Ikea war ziemlich voll, was sich aber erst im Kassenbereich wirklich zeigte. Die Schlangen reichten sehr weit, ich würde schätzen, pro Schlange waren es 10-15 Kunden. Zum ersten Mal im Leben begab ich mich in den Selbstkassenbereich*, weil es dort etwas schneller zu gehen schien. (Anmerkung: Es waren weder alle Bedienkassen noch alle Selbstbedienkassen geöffnet.)

Ich habe selbst neun Jahre im stationären Einzelhandel mit knapp gestrickter Personaldecke hinter mir, so etwas wäre bei uns niemals geduldet worden. Solange noch Kassen und Personal da sind, wird aufgemacht und alles andere stehen- und liegengelassen.

Im Bauhausbaumarkt war es so voll, dass wir bis zum Einlass warten mussten, dass genügend andere Kund:innen den Laden wieder verlassen haben. Im Gartenbereich entdeckten wir tatsächlich Sonnenschirme, aber auch Auflagen für die Westbalkonloungesituation, die wir sicherlich sofort gekäuft hätten, wäre denn irgendwo irgendwann jemand aufgetaucht, also jemand dort Angestelltes, der uns a) hätte sagen können, wieviel die Dinger überhaupt kosten und b) wo wir sie fürs mit nach Hause nehmen finden würden. Es waren nämlich die Ausstellungsdingens. Es gab einen einzelnen Mitarbeiter, der allerdings dermaßen von Rasenmäherroboterkaufwütig:innen umzingelt war, dass bereits Schnickschnackschnuck gespielt wurde, wer eigentlich als nächstes dran ist. An der Kasse war es wieder so desaströs, dass ich diesmal aus Prinzip und mit voller Absicht an die Selbstbedienkasse gegangen bin.

So wird das nix, stationärer Einzelhandel. Eure Kund:innen sind im letzten Jahr sehr verwöhnt worden, also wenn sie das wollten, da muss ein bisschen mehr Selbstwerbung kommen als „Wir sind wieder für Sie da.“

*Als gestandene, wen auch ehemalige H&M-Mitarbeiterin weigere ich mich schon sehr lange gegen diese Selbstkassengeschichten, weil natürlich die Arbeitsplätze der Kassierer:innen enorm wichtig sind und was der Laden an einer Stelle spart, wahrscheinlich woanders wieder ausgibt. Zumal ich bei komplexeren Einkäufen auch keinen Bock darauf hätte. Aber heute waren es eine Bettdecke und eine Zange aus Bambus. Sehr übersichtlich. Und bei Bauhaus halt ein Sonnenschirm. Und dafür stell ich mich nicht stundenlang an einer Kasse mit Mensch an. Nicht mehr.

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Eine Antwort zu Stationärer Einzelhandel

  1. Frau Tonari schreibt:

    Auch hier hört der Einzelhandel den Schuss mitunter nicht. Womit man punkten könnte: Servicementalität. Was Kunde vermisst: Eben diese. Manchmal ist man glatt geneigt, sich für den Kaufwunsch zu entschuldigen. Kunde droht mit Auftrag. So wird das nix und der große Fluss wird breiter und mächtiger denn je.

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