Keine Ahnung wie ich das übertiteln soll, #fckprffßbll?

Gestern ist Hansa Rostock in die zweite Bundesliga aufgestiegen. Im heimischen Stadion gegen den bereits abgestiegenen VFB Lübeck mit einem bestenfalls mäßigen 1:1 und einem geschenkten Elfmeter. Sportlich schien die Sache ohnehin schon ausgemacht, das Spiel war aus einem anderen Grund interessant. Auf massive Interventionen seitens des Vereins und des Rostocker Rathauses hin waren nämlich rund 7500 „Fans“ zugelassen. Angeblich nach einem – wie immer, natürlich – ausgeklügelten Hygienekonzept mit vorgeschalteten Tests für JEDEN und Masken und Abstand und Alkoholverbot und dergleichen. Da das Spiel im Fernsehen übertragen wurde, konnten sich alle Interessierten davon überzeugen, dass das mal wieder ein Hygienekonzept auf dem Papier war, von dessen Umsetzung war nicht viel zu sehen. Ich glaub nicht mal, dass das „nur“ >7000 Zuschauer waren, dann hätte nur jeder vierte Platz besetzt sein dürfen. Das sah nach mehr aus. Ich brauche keine Worte darüber zu verlieren, dass weder Masken noch Abstand zu sehen waren, und natürlich wurde auch noch gesungen. (Dafür konnte zahlreich Pyrotechnik gesehen werden, schaffen die das nicht mal, 7000 Leute, die eh 15 Minuten auf ihr Testergebnis warten müssen, vernünftig zu kontrollieren?) Also wenn das kein behördlich genehmigter Superspreaderevent war, dann weiß ich auch nicht. (Selbst wenn alle Tests negativ waren, heißt das noch lange nicht, dass alle Zuschauer:innen nicht infektiös waren, wir erinnern uns an die Aussagekraft einmaliger Schnelltests.)

Trorz des eher mäßigen Spiels von Hansa (Lübeck hätte den Sieg verdient gehabt, wenn es ihnen auch nichts mehr genützt hätte, Respekt dafür!) zog dann nach Abpfiff ein feiernder Mob von ca. 6000 Menschen zum Neuen Markt vor das Rathaus und beglückte die Anwohner:innen und alle, die da grad unterwegs waren, mit reichhaltig Pyrotechnik, wobei man sich da fragen muss, wo sie die überhaupt herhatten, beim letzten Jahreswechsel gab es ja gar keine zu kaufen. Das soll zwar weitgehend friedlich geblieben sein, ich war nicht dabei, glaube aber nicht, dass nun Abstand eingehalten und Masken getragen wurden. Nicht witzig fand ich zudem, dass dafür der Straßenbahnverkehr unterbrochen wurde, schließlich war das keine angemeldete Demo, auf die man sich einstellen kann, sondern ein spontan feiernder Pöbel ohne jede Rücksichtnahme auf irgendwas, der offensichtlich auch nicht (jedenfalls in den Nachrichten nicht erkennbar) von der Polizei irgendwie reguliert wurde.

Noch schlimmer allerdings der brandschatzende Mob, der in der Kröpeliner-Tor-Vorstadt aus angezündeten Mülltonnen Barrikaden errichtete, dabei auch brennende Autos in Kauf nahm und Polizei und Feuerwehr mit Pyrotechnik und Flaschen attackierte. Also meine Vorstellung von freudigen Feiern sieht anders aus. Was hat das mit Fußball, mit Fanfreude zu tun?

Der immense Kollateralschaden besteht meiner Meinung darin, dass sich nun auch die letzten, die sich zumindest so gut wie es geht an die Regeln halten, fragen, warum sie das eigentlich noch tun sollen. Das habe ich heute gleich zweimal gehört. Das macht die letzten auch noch mürbe. Wofür haben sich diese Leute (uns beide eingeschlossen) seit über einem Jahr am Schlüppa gerissen und sind den wechselnden und nicht immer nachvollziehbaren Coronaverordnungen gefolgt, und dann wird (jaja die Zahlen sinken, aber dafür gibt es einige Gründe, die außerhalb des eigentlichen Infektionsgeschehens liegen) ein solches Superspreaderevent genehmigt, trotz Nichteinhaltung der Auflagen durchgeführt und die Auswüchse im Anschluss auch noch in aller Öffentlichkeit geduldet? Und ich darf meine Kumpel:innen nicht treffen, draußen mit Maske und Abstand und dergleichen? Das ist doch nicht mehr vermittelbar.

Ebenso ist die ganze Veranstaltung ein Schlag ins Gesicht all der Amateursportler:innen, die seit Monaten nicht trainieren dürfen, nicht mal in verhältnismäßig unkritischen Sportarten und bei existierenden Hygienekonzepten, es darf einfach nicht stattfinden. Wie erklären jetzt die Eltern ihren Töchtern und Söhnen, warum sie immer noch nicht ins Fußballtraining dürfen?

Wenn wir hier in zwei Wochen keinen Anstieg der Zahlen haben, dann dürfte das hauptsächlich dem saisonalen Effekt geschuldet sein. Das kann aber kein Grund sein, derartige Superspreaderevents zuzulassen.

[Randbemerkung, weil ich mit den Feiernden so hart ins Gericht gehe: Im neben dem Ostseestadium gelegenen Leichtathletikstadion wurde das Spiel ebenso vor „Fans“ übertragen. Es ist nun praktisch zerstört, heute hat ein erster Aufräumtrupp von 100 freiwilligen Helfer:innen der dort Trainierenden erste Schäden an den Böden und Anlagen teils in mühseliger Handarbeit beseitigt.]

[Randbemerkung 2: Es gab ja schon ein Spiel vor Publikum von Hansa in dieser Saison, vergessen wann und gegen wen, da waren „nur“ 750 zugelassen, von denen ca. 30 bei den Tests rausgefischt worden sein müssen, denn es waren weniger dabei. Es kam zwar nicht zu derartigen Ausschreitungen wie gestern, aber man konnte eigentlich nicht gut sagen, dass es so gut gelaufen war, dass man das als Modell heranziehen und mit der zehnfachen Menge an Zuschauer:innen kann.]

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2 Antworten zu Keine Ahnung wie ich das übertiteln soll, #fckprffßbll?

  1. Klagefall schreibt:

    Ich habe das auch nicht verstanden. Eine Woche zuvor hatten die Hansafans auf der Rückfahrt aus Unterhaching, wo sie vor dem Stadion gefeiert hatten, den Mannschaftsbus auf der Autobahn überholt und anschließend die ganze Autobahn blockiert, mitten auf der Strecke. Polizeieinsatz, zum Glück gab es keine Auffahrunfälle. Als Belohnung gab es dann das Ereignis gestern und wie durch ein Wunder blieb es nicht friedlich (es wurden mehrere Polizisten verletzt).

    Als Nächstes wird die Stadt Rostock dem Verein das Stadion abkaufen, das sie ihm vor ein paar Jahren geschenkt hat, damit Geld für die 2. Liga in die Kasse kommt und der marode Bau mal saniert werden kann.

    Die Pyrotechnik muss nicht reingeschmuggelt werden, die ist schon im Stadion, die Fans haben eigene Räume, auf die weder Ordner noch Polizei Zugriff haben. Auf die Südtribüne dürfen nur eigene Ordner der Fans.

    Hansa war mal ein Aushängeschild für das ganze Land, aber das ist lange vorbei. Alle haben vor den Ultras kapituliert, ich verstehe nicht, warum.

    • hafensonne schreibt:

      *vor den kopf schlag geräusch

      Die Aktion letzte Woche, das hatte ich schon wieder verdrängt. Völlig daneben, wäre für mich als Behörde Anlass gewesen, die Genehmigung für die Zuschauerzulassung wieder zurückzunehmen. Denn offensichtlich können oder wollen die „Fans“ einfachste Verhaltensregeln auch extrapandemisch nicht einhalten.

      Mein Verdacht ist ja, dass es die Ultras bis in die Vereinsspitze geschafft haben. Entsprechend sieht das Ergebnis aus.

      Aber dass ein Verein, der dafür bekannt ist *auch* gewaltbereite und gewaltausübende „Fans“ zu haben, jenen auch noch entsprechende Logistik und Zugänge ermöglicht, lässt mich schwer mit dem Kopf schütteln. Ist das nicht im Zweifel Unterstützung von Straftaten?

      Geld für die zweite Liga kommt doch schon mehr als genug durch die deutlich höheren TV-Einnahmen herein?

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