Fünf Jahre, ein Tag*

Vor fünf Jahren bin ich in der besten aller Hansestädte aufgeschlagen. Ich wollte unbedingt ans Meer, an eine Uniklinik und zurück in den Osten. Das alles konnte nur Rostock bieten, denn mal ehrlich: Wer will schon in Greifswald tot überm Zaun hängen?

Außerordentliche Glücks- und Zufälle haben dafür gesorgt, dass ich hier direkt nach dem Studium anfangen konnte, dass ich eine bezahlbare, schöne Wohnung bekam und eine zuvor etwas verschüttete, aber nie verschwundene Leidenschaft für Schiffe, Seefahrt und (Achtung! Schlimmes Wortspiel!) MEER wieder reaktivieren konnte. Nicht zuletzt lernte ich den Capitano tatsächlich auf der Fähre kennen, die er damals steuerte. Die glücklichen Zufälle blieben uns – bei allen Widrigkeiten – bislang in der Summe erhalten. So ist die Wohnung, in der wir seit dreieinhalb Jahren wohnen, immer noch ein echter Glücksfall, zumal ich in meinem Erwachsenenleben noch nie so lange in einer Wohnung lebte (der Rekord ist allerdings erst vor kurzem gefallen – bisher trug meine Wohnheim-WG in Bielefeld das Gelbe Trikot). Unsere momentanen Jobs und Chefs sind jeweils Sechser im Lotto mit der Einschränkung, beim Capitano ganz frisch und bei mir leider immernoch befristet und an das D-Projekt gebunden.

Fünf Jahre im Beruf sind ja auch ein Meilenstein und Gelegenheit zur Reflexion.

Ich liebe meine Arbeit. Das zwar von Anfang an, aber ich merke inzwischen, wie wertvoll Berufserfahrung ist. Meines Erachtens sogar wertvoller als das Geiern nach immer neuen Zusatzbezeichnungen, Zertifikaten und Weiterbildungen (Psychologischer Psychotherapeut, Klinischer Neuropsychologe und, ja, auch die – erzwungene – Promotion), die irgendwie verschleiern, dass wir mit einem ausgewachsenen Hochschulabschluss kommen, der doch initial erst einmal zu einer Tätigkeit wie meiner befähigen sollte. (Leider habe ich selbst auch schon Gegenbeispiele kennengelernt.)  Besonders schätze ich inzwischen die Zusammenarbeit mit den Ärzten. Anfangs fühlte ich mich auf sehr verlorenem, zumindest einsamen Posten, der gelegentlich mal einen Befund absonderte und sich ansonsten kaum traute, in einem Arztzimmer anzurufen, geschweige denn dort einfach reinzuschneien, den Befund (falls spektakulär) auf den Tisch zu knallen und sowas zu sagen wie „Habt Ihr mal an Lewy-Bodys* gedacht?“, wie ich das heute sogar ausgesprochen gern mache. Anerkennung seitens der Ärzte ist für uns Psychologen die schärfste Droge überhaupt. Neulich sagte sogar ein Unfallchirurg die anerkennenswerten Worte „Danke, Sie haben mir sehr geholfen!“ zu mir. Hallo?

Patientinnen und Patienten. Ich arbeite in einer Klinik, in der die Patienten meist schwer, häufig chronisch und unheilbar krank sind. Nichts erdet einen mehr als der Umgang mit kranken, vielleicht schwer betroffenen Menschen. Oft großartige und interessante, eher weniger oft anstrengende, fordernde Persönlichkeiten, alle mit ihren persönlichen Geschichten. Es ist unglaublich, was man in einer Klinik über Menschen und sich selbst lernen kann. Ich habe das Gefühl, dass mich diese Erfahrungen nach diesen sehr vielen Patientenkontakten sehr verändert haben. Insbesondere kann ich nur das Mantra einer von mir betreuten, 15jährigen Schülerpraktikantin aus ihrem Praktikumsbericht wiederholen: Man muss dankbar sein, dass man gesund ist. Andererseits bin ich auch ängstlicher geworden, ich habe gelernt, dass das Leben nicht erst jenseits des Rentenalters verdammt tödlich sein kann.

Tod und Behinderung. Bei uns wird auch gestorben. In der Regel betrifft das nicht „meine“ Patienten, denn die sind ja immerhin so fit, dass man ihnen eine psychologische Diagnostik zukommen lassen kann. Trotzdem sind inzwischen auch Patienten gestorben, die ich persönlich kannte. Vor fünf Jahren hätte ich es nicht für möglich gehalten, mich mit Palliativmedizin auseinanderzusetzen. Inzwischen ist es mein fester Plan, nach der Promotion (haha) eine Weiterbildung in palliative care für Psychologen zu machen und einen sich bei uns gerade bildenden neuropalliativen Arbeitskreis als Fachfrau zu unterstützen. Das ist alles noch ganz neu und aufregend, aber ich glaube, dass das ein guter Weg ist. Erst heute hatte ich wieder eine Begegnung, wo ich gemerkt habe, wie gut es Schwerkranken tut, wenn überhaupt mal jemand zuhört, auch wenn es nicht so ganz einfach ist, wenn die Betroffene über einen Sprachausgabeprogramm kommunizieren muss. Das vermutlich eigentlich mal gut gemeinte dezentrale Versorgungssystem in Deutschland ist für schwerkranke Menschen eher eine Katastrophe. Man wird zwischen 230 Krankenkassen, Versorgungsämtern, Rentenversicherungsträgern und sonstigen Zuständigkeiten, gerne auch mal Bund, mal Land, mal Kommune und mal Sozialversicherung hin- und hergeschoben und es gibt keine wirkliche Instanz, die das mal alles für den jeweiligen Betroffenen zusammenführt.

Leben. Ich bilde gerne aus. Inzwischen rennen mir Praktikumsanfragen die Bude ein, naja, zumindest in den begehrten Zeiten, aber immerhin bin ich schon soweit, auswählen zu können und vermutliche Flachzangen von vornherein abzulehnen. Praktikantinnen (komischerweise scheinen sich bis auf Eintagsfliegentoni nur Frauen für die Neuropsychologie zu interessieren) fordern mich heraus, hängen an meinen Lippen, scheitern manchmal an ganz banalen Situationen, um im nächsten Moment etwas ungeheuer Schlaues zu fragen und erinnern mich immer wieder an meine eigene Situation, als ich in der Charité selbst mit Herzklopfen vor meiner Anleiterin und später vor meinem ersten Patienten stand. Ausbilden heißt dabei auch, den Praktikantinnen nicht immer alles abzunehmen. Und an seine Grenzen stoßen. Ich betreue erstmals zwei Masterarbeiten, und ich hoffe, ich mache das dufte.

Gute fünf Jahre waren das. Auch in Bloghausen. In dieser Zeit sind sehr schöne und wichtige Internetzbekanntschaften entstanden, die ich nicht mehr missen möchte und die teils auch eine wichtige Rolle in unseren Leben spielen. Allen voran die Nähmarie und ihr Mister, die unsere Trauzeugen in Dänemark wurden, dann die Rucksackberliner Frau Tonari und Herr Ackerbau, die zum Teil noch einen Koffer Grill, zum Teil zumindest eine einzelne Fleischtomate in Rostock zu stehen haben (wirklich sehr schlechte Ausbeute dieses Jahr, Herr Ackerbau), die mitrostockerin allesistgut sowie das ungarische Halbblut Anikó.

Last but not least (zuletzt, aber deswegen nicht etwa unwichtig) Dank an den Capitano für eine unersetzlich schöne gemeinsame Zeit und Vorfreude auf noch viele viele Jahre hier oben an der Küste und auf der See mit Dir. Ich liebe Dich.

*eigentlich ja 11 Tage, aber so hieß vor 20 Jahren ein Film von Leuten zwei Klassen über uns, den diese im Rahmen irgendwelcher Projekttage drehten und der zwischenzeitlich einen gewissen Kultstatus erlangte.

Fußnote: Außerdem bin ich schon am 26. April nach Rostock gezogen. Daher eigentlich fünf Jahre, 16 Tage. Aber wie klingt das denn?

*spezielle Demenzform

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter auf der anderen seite, lobhudelei, nachdenkereien, psychologie, rostock, schiffe veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Antworten zu Fünf Jahre, ein Tag*

  1. Herr Ackerbau schreibt:

    Das liest sich, als seien es gut und weise genutzte fünf Jahre gewesen! Glückwunsch und weiter so!
    (Ich werde gerade etwas schwermütig, weil ich mir meinen – beruflichen – Rückblick nach fünf, zehn und fünfzehn Jahren vorstelle….)

    • hafensonne schreibt:

      Es lief etwas schleppend an mit Unschönheiten dabei, aber dann, ja, wurde eigentlich alles gut. Fehlt nur noch das krönende Finale. Der Capitano hats ja schon geschafft, jetzt bin ich dran *seufz*

  2. allesistgut schreibt:

    Es freut mich, dass Du auf Deine letzten fünf Jahre so positiv zurückschauen kannst und alles so toll geklappt hat. So wird’s garantiert weitergehen! Bin ganz gerührt, dass Du mich erwähnt hast. 😉

    • hafensonne schreibt:

      Hehe, natürlich, wo wir doch schon internette gemeinsame Tartiflette-Erfahrungen haben 😉 Natürlich war nicht immer alles positiv, aber möglicherweise berufsbedingt versuche ich es zu vermeiden, immer und ewig in der (negativen) Vergangenheit zu verharren und damit zu hadern. Erlebe ich zu oft bei Patienten, die mal besser nach vorne und auf ihre Ressourcen schauen sollten (der Brüller war mal eine Dame, die einen Workshop sprengte mit der Mitteilung, wenn sie vor 40 Jahren gewusst hätte, was dabei alles rauskommt, hätte sie einen anderen Beruf erlernt. Hä?)

  3. Frau Tonari schreibt:

    Herzlichen Glückwunsch zu diesen fünf Jahren. Es liest sich als würden die nächsten fünf ebenso abwechslungsreich und spannend werden. Ich freue mich, Dich in der internetten Welt entdeckt und in mein Herz geschlossen zu haben. Und ich denke gerne an unsere netten Stunden auf Eurem Balkon zurück. Wie schnell doch so ein Jahr vergeht.
    (Und jaaaahaaaa, ich weiß natürlich, dass ich noch einen Grill bei Euch abholen darf. Bis Mitte Juni wird das definitiv nix. Dann guck ich mal, wie die Lage hier so ist. Wir sind bisher an jedem reisefreien WE beim besten Schwiegervater von allen… Es ist emotional sehr anstrengend, zusehen zu müssen, wie ihn wachen Geistes die Kraft verlässt.)

    • hafensonne schreibt:

      Liebe Tonaris, danke. Es ist doch selbstverständlich, dass der beste aller Schwiegerväter absoluten Vorrang hat, vor allem vor einem Grill. Der Grill läuft nicht weg, sondern hat es sich unter unserer Treppe sehr gemütlich gemacht 😉 Wunderbar, dass wir uns kennengelernt haben, es fehlt jetzt noch der Herr Tonari 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s