Wir raten ab

Da ich mich demnächst – falls das D.A.-Projekt tatsächlich mal ein Ende finden würde, hahahahahaha – beruflich mit dem Lebensende befassen werde, kam ich letzte Woche nicht an dem sogenannten Bestseller 5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen vorbei. Leider muss ich sagen, dass eine Sache, die ich aktuell am meisten bereue, der Erwerb dieses Traktats ist.

Vorab einmal die 5 Dinge, die einen an dem Buch sicherlich am meisten interessieren:

  1. Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mir selbst treu zu bleiben, statt so zu leben, wie es andere von es von mir erwarteten.
  2. Ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet.
  3. Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, meinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen.
  4. Ich wünschte, ich hätte den Kontakt zu meinen Freunden gehalten.
  5. Ich wünschte, ich hätte mir mehr Freude gegönnt.

Das kommt nun alles nicht sehr überraschend. Man könnte noch ergänzen, ich wünschte, ich hätte weniger Wert auf materielle Dinge gelegt; ich wünschte, ich hätte eine Weltreise gemacht und ich wünschte, ich hätte niemals Atemlos durch die Nacht gehört.

Der Rest des Buches besteht aus blabla, ich war mir früher auch nicht treu und habe versucht, anderer Leute Erwartungen zu erfüllen. Blabla, nach einem langen und schwierigen Weg habe ich dann zu mir selbst und meinen Weg gefunden. Blabla. Ich hatte eine soooo schwierige und schmerzvolle Vergangenheit. Blabla, alte sterbende Menschen pflegen isttotal super, ich kann das jedenfalls richtig gut, weil ich den Sterbenden total gut zuhöre, immer ihre Bedürfnisse und vor allem ihre Würde achte und überhaupt ein Top-Sterbebegleiterin bin. Blabla, als ich dann in mich ging/ meditierte/ Veganerin wurde/ Songschreiberin wurde etc., ergab alles plötzlich Sinn. Die Autorin schwankt zwischen tiefstem Selbstmitleid und höchster Selbstbeweihräucherung. Dabei wird natürlich nicht vergessen zu betonen, dass ja jeder seinen eigenen Weg etc. usw. usf., aber eigentlich bin ich ja die Einzige, die wirklich alles richtig macht. Das nimmt dann so Ausmaße an, dass sie einerseits einer Freundin vorwarf, nicht ausreichend für sie dazusein, als sie sie brauchte, andererseits dann nach Gebet und Selbstversenkung zu dem Schluss kam, dass sie für die Freundin auch nicht in dem Maß dasein kann/ will/ darf, wie diese es gerne hätte. Zu der Selbstherrlichkeit gesellt sich also noch eine gehörige Portion gut verbrämter Arroganz.

Mit der Überschrift einer launigen Kolumnenüberschrift des ZEITfeuilletons sage ich also: Wir raten ab!

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4 Antworten zu Wir raten ab

  1. Frau Tonari schreibt:

    Ich erlebe gerade beim, dem Lebensende entgegen sehenden besten SchwieVa von allen nichts von alledem. Er ist mit sich im Reinen, erkennt bewusst, dass seine Tage gezählt sind und nimmt entsprechend auch bewusst Abschied. Immer wieder hören wir, dass sie (seine Frau und er) aus den gegebenen Umständen (privat wie politisch) das beste gemacht hätten. Gerne erinnert er sich an die Dinge, die ihnen zu erleben vergönnt war. In den letzten Wochen (vielleicht Monaten, wer weiß das schon) versucht er im Rahmen seiner schwindenden Möglichkeiten so viel zu organisieren und zu klären, wie möglich. Wer die Trauerrede hält, wer die Trauerkarten gestaltet, was mit diesem und jenem wird. Nicht in Bitterkeit, dass der Tag X, wie er ihn selbst bezeichnet, vor der Tür steht. Dankbarkeit, dass alles so läuft wie es momentan der Fall ist.
    Keiner der 5 genannten Punkte spielt auch nur im Ansatz eine Rolle in seiner momentanen und sehr bewussten Gedankenwelt.

    • hafensonne schreibt:

      Ganz großartig. So ähnlich erlebe ich es häufig mit Patienten, die in meinem momentanen Betätigungsfeld i.d.R. nicht sterbenskrank, aber eben alt und nicht gesund sind. Ein Blick ins Inhaltsverzeichnis hätte die Kaufentscheidung evtl. verhindert.

      Deinem SchwieVa alles erdenklich Gute und Euch allen viel Kraft für das, was kommen wird.

  2. allesistgut schreibt:

    Danke für die Rezension. Wunderbar geschrieben, ich habe mich köstlich amüsiert. 😉
    Für mich käme ein Kauf des Buches eh nicht in Frage, da ich es für etwas anmaßend finde, zu pauschalisieren, was Sterbende denn nun am meisten bereuen. Im besten Fall bereut man gar nichts, manches vielleicht, aber das in einer Art „Hitliste“ zusammenzufassen. Also, ich weiß nicht.
    Da es dann letztlich nur ein Selbstbeweihräucherungsbuch der Autorin ist, macht’s nicht besser.
    Liebe Grüße. 🙂

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