Begegnung der dritten Art

Na, so schlimm war es nicht. Aber hätte es mich im ersten Berufsjahr erwischt, hätte ich sicherlich nicht annähernd so souverän reagiert.

Gutachtenpatientin. Erscheint in männlicher Begleitung – namenstechnisch offenkundig nicht der Ehemann. Als ich ihm beschreibe, wo er während der nächsten Stunden Kaffee trinken kann, schaut er konstaniert und sagt, es sei doch extra im Vorfeld geklärt worden, dass er dabei sein werde.

Bei Gutachten bei mir ist.niemand.dabei. Ich wurde auch vorher nicht gefragt und entsprechend war auch nichts geklärt. Eine schnelle telephonische Rücksprache mit der Hauptgutachtenärztin ergab denn auch, dass die Genehmigung ausschließlich für die ärztliche Untersuchung, nicht aber für das ärztliche Gespräch und auch nicht für die neuropsychologische Untersuchung erteilt worden ist.

Jetzt fragte ich mich natürlich, was der Heini da eigentlich bei mir wollte. „Zeuge“ sein. Falls Fragen und Antworten anders dargestellt werden, als es tatsächlich geschehen war. Also parteiisch zugunsten der zu Begutachtenden und damit eine meine eigene gutachterliche Tätigkeit mindestens beobachtende, sicherlich aber letztlich bewertende Rolle spielend. Wenn man das jetzt zu Ende denkt, müsste ich mir also wiederum jemanden suchen, der in meinem Sinne die Untersuchung protokolliert, damit wieder so eine Art Gleichgewicht hergestellt wird. Das ließe sich natürlich unendlich weit fortsetzen und wäre mit einer neuropsychologischen Begutachtung letztlich nicht vereinbar.

[Jeder Psychologiestudent lernt in den ersten Semestern, wie groß der Einfluss vermeintlich unbeteiligter, möglicherweise sogar tatsächlich neutraler Anwesender auf die Interaktion anderer Personen ist.]

Tatsächlich musste ich mit geringem Erfolg dem Heini klarmachen, dass er für eine Bewertung meiner Tätigkeit keine entsprechenden Vorkenntnisse hat und eine solche Bewertung in einem Gutachten auch nicht vorgesehen ist. Er bestritt zwar energisch, irgendetwas bewerten zu wollen, konnte aber auf meine Nachfrage, was denn dann seine Rolle sei, auch nur mit der rätselhaften Formel „Gedächtnisprotokoll“ antworten.

[Als wenn das was wert wäre. Schließlich würde da letztlich auch nur Aussage gegen Aussage stehen. Zumal Gutachter in der Regel formell einbestellt werden, diese seltsamen „Zeugen“ aber nicht.]

Da ich glücklicherweise keine Berufsanfängerin mehr bin, hat das Argument Ich mache das einfach nicht natürlich ausgereicht. Es gibt eben keine Möglichkeit, jemanden zu einer neuropsychologischen Begutachtung zu zwingen. Also wenn man sich selbst etwas von dem Ergebnis erhofft.

Aber Dinge gibts. Das ist doch fast das Gegenteil von Gutachten, wenn da noch einer mit drinsitzt, der hinterher die abenteuerlichsten Behauptungen anstellen kann, was im Verlauf der Untersuchung gesagt oder eben vielleicht nicht gesagt wurde.

[heute vormittag schnaufend ab. und ohne den zirkus hätte ich zur zweiten chefvisite gehen können. dankeschön.]

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6 Antworten zu Begegnung der dritten Art

  1. Frau Tonari schreibt:

    Du wirst es noch erleben, dass jemand mit dem Smartphone anrückt und alles als Filmchen aufnimmt, um es auf Youtube der Welt präsentieren zu können 😉

  2. Maik Pixelino schreibt:

    Die dritte Person ist immer die Person die alles besser weiß. Die hat man auch im privat Leben zu genüge.

    • hafensonne schreibt:

      Das ist richtig, aber bei einer Begutachtung ist eine dritte, eigentlich vollkommen unbeteiligte Person, die dann auch noch alles besser weiß, nicht nur unnütz, sondern kontraproduktiv.

  3. Elbkiesel schreibt:

    Vielleicht war die zu Begutachtende schlichtweg sehr verunsichert in solch einer für sie fühlbar „ausliefernden Situation“, bewusst des nachwirksamen Ausmaßes des Gutachtens (trotz Anliegen)…und wollte seelischen/ vertrauten Beistand.
    Aber Ihr Tenor „Heini“ und die nachlesbare völlige Abwesenheit von diplomatischer Empathie halte ich für bedenklich, vor allem weil Sie die Situation ja doch persönlich nehmen.
    Berufen zu sein ist eben nicht gleich Berufung-
    Ab und an mal die Perspektive zu wechseln hat noch keinem Profi geschadet und bewährt sich immer wieder- für beide Seiten.

    • hafensonne schreibt:

      Danke für Ihre Belehrungen bei völliger Unkenntnis sowohl der Situation als auch meiner Person. Sie können sicher sein, dass ich so oft wie nötig und möglich die Perspektive wechsle, das gehört immanent zu meinem Job. Warum Sie mir mangelnde Diplomatie unterstellen, bleibt mir auch völlig rätselhaft. Ich denke, ich habe die Situation angemessen gelöst. Allerdings behalte ich mir vor, anschließend im privaten Rahmen eine völlig aufgeblasene Person, die mir erzählen will, was mein Job ist, so zu nennen, wie es mir behagt. Und „Heini“ trifft es da eben ganz gut.

      Btw. Dass eine zu begutachtende Person verunsichert ist, weiß jeder, der beruflich mit Gutachten zu tun hat. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass ein „Zeuge“ (wofür auch immer) nichts in einer solchen Untersuchung zu suchen hat. Einfach weil bereits die Anwesenheit einer weiteren Person die Ergebnisse und damit letztlich auch das Gutachten selbst verfälscht.

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