Heringe fangen

Am Sonntag nachmittag waren wir im Stadthafen, um Heringe zu fangen. Jedes Jahr im Frühling schwimmen die Heringe zuhauf die Warnow hoch, um hier zu laichen. Fischhungrige Rostocker stehen dann dicht an dicht an der Kaikante und holen die Heringe mit sogenannten Heringspaternostern, also einer Leine mit mehreren Haken und einem Senkblei am Ende, aus dem Fluss. Köder werden nicht benötigt, die eventuell als unangenehm empfundene Fummelei mit irgendwelchen Mehlwürmen bleibt einem also erspart. Als ich vor vier Jahren mitten in der Heringssaison nach Rostock zog, wunderten mich die vielen angelnden Leute an der Kaikante überhaupt nicht, für mich gehörte dieses Bild zum Lokalkolorit. Erst viel später fiel mir auf, dass das irgendwann wieder aufgehört hatte, dass eben nicht das ganze Jahr über die Leute dicht an dicht an der Kaikante stehen und angeln. Nur wenn der Hering kommt. Der Hering macht alle gleich. Der Professor angelt neben dem ALG-II-Empfänger, Handwerker neben Intellektuellen, Frauen wie Männer (wenngleich letztere doch in der Überzahl sind), es fangen Leute Heringe, für die die Angelmarke eine Investition in einige Wochen preiswerte Nahrung plus x (was die Frau dann noch so einlegt für später) darstellt (wahrscheinlich darf man sich im Sozialamt nicht verplappern, sonst wird einem noch eine fiktive Menge Hering angerechnet und entsprechend vom monatlichen Satz abgezogen), genauso fangen aber auch Leute Heringe, die finanziell nun wirklich nicht darauf angewiesen sind, einfach nur, weil es geht. Weil es Spaß macht. Weil es schön ist, wie sich in schichtenübergreifender Solidarität Gespräche entwickeln. Wenn sich zwei Leinen verhakeln – was bei der Dichte der Angler natürlich vorkommt – werden sie ohne Klagen gemeinsam wieder auseinandergefriemelt. Gelingt einem ein solider Mehrfachfang, wird neidlos gratuliert. Man hilft einander aus, zum Beispiel mit den Sollbruchstellen Senkblei und Paternoster oder mit zum Entschuppen praktischen Drahtkeschern.  Wir teilten unser Vergnügen mit der lieben Kollegin nebst deren fußlahmen Mann und den beiden (erwachsenen) Söhnen, grillten dazu Würstchen und später auch Heringsfilets und nahmen in beinahe homöopathischen Dosen Weißwein zu uns. Den Wind schirmten wir erfolgreich mit Hilfe der zahlreichen Fahrzeuge, mit denen die Anreise erfolgte, ab. Lustigerweise holte ausgerechnet der zwangsweise in lässiger Sitzhaltung im Campingstuhl ruhende und entsprechend lässig die Angel auswerfende Fußlahme die meisten Heringe aus der Warnow. Es sollen Rollmöpse produziert werden. Wir sind gespannt.

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9 Antworten zu Heringe fangen

  1. Anikó schreibt:

    Vatters hat vorgestern wohl auch etliche gefangen, die Frau Mama gestern einlegte. Früher haben Zwerg und ich auch gerne mitgeangelt und uns fast gestritten, wer die dummen Heringe tot schlagen darf 😉

    • hafensonne schreibt:

      Wo fängt der Papa denn? In Schmarl unten?

      • Anikó schreibt:

        Öhm, keine Ahnung, aber soll ich mal fragen? Früher waren wir im Überseehafen…

      • hafensonne schreibt:

        Im Überseehafen? Wo kommt man denn dort an die Kaikante? (Über die Wasserqualität in Häfen generell breiten wir mal den Mantel des Schweigens.)

      • Anikó schreibt:

        Ja, so vor 20 Jahren ist man am Überseehafen noch an einige Becken rangekommen und da standen sie auch von allen drei Seiten drum rum inklusive Leinenverheddern *g* Und naja, die Heringe sind ja nicht im Hafenbecken aufgewachsen, sondern erst kurze Zeit vorher angereist 🙂

  2. Frau Tonari schreibt:

    Weißwein in Dosen? 😉 *huschundweg*

  3. seepferdchenblog schreibt:

    Da kann man wirklich neidisch werden… 🙂

  4. Anni1981 schreibt:

    Mein Stiefvater angelt auch immer fleißig. Los gehts mit unserem Motorböötchen und mit vollen Eimern wieder zurück 🙂

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