Unschuldsvermutung? Schweigepflicht? Pressekodex?

Seit einer Woche erlebe ich etwas Seltsames: Ich werde als Expertin nach meiner Meinung gefragt. Nicht von irgendwelchen Talkshows oder Radiosendern glücklicherweise, sondern von lieben Personen im Umfeld. Es geht um die an einem Alpenberg zerschellte Germanwingsmaschine (Absturz ist meiner Meinung nach nicht ganz der richtige Ausdruck). Die Fragen, die mir gestellt werden, sind natürlich nachvollziehbar: Wie beurteile ich als Fachfrau die bislang bekanntgewordenen Details um den Copiloten der Maschine, der aktuell im Verdacht steht, das Cockpit absichtlich verschlossen und die Maschine vorsätzlich gegen den Berg gesteuert zu haben. Dazu äußere ich mich jetzt wie folgt:

Wir leben in einem demokratischen Rechtsstaat, in dem die Unschuldsvermutung gilt. Ich finde es unerträglich, wie der Copilot bereits als Täter feststeht, ja, als Massenmörder. Es wird nur noch nach einem möglichen Motiv gesucht. Dabei wird auch vor durch keinerlei Tatsachen gestützten Ferndiagnosen nicht halt gemacht. Skandalöserweise werden mal eben live im Fernsehen Details zu früheren psychischen Erkrankungen verkündet, als wenn es so etwas wie eine ärztliche Schweigepflicht nicht gebe, da übergibt ein Krankenhaus unkritisch Krankenakten den Ermittlern, obwohl nach allgemeiner Rechtsauffassung die Schweigepflicht auch posthum gilt und nicht von Angehörigen aufgehoben werden kann. Da steht eine geifernde Pressemeute und vergisst jegliche eigene berufsständische Selbstverpflichtung, über Suizide zurückhaltend zu berichten und Rücksicht auf Angehörige zu nehmen. Dabei steht es noch gar nicht fest, ob es sich überhaupt um einen Suizid handelt. Selbst die französische Staatsanwaltschaft, die mit der vorzeitigen Festlegung auf eine vorsätzliche Tat sowie der rechtswidrigen Nennung des vollen Namen des Copiloten sicherlich auch etwas unglücklich agierte, schließt einen technischen Defekt nach wie vor nicht aus. Die Familie des Copiloten steht am Pranger und musste an der Absturzstelle wie Aussätzige von den anderen Trauernden separiert werden. Ihr Haus wurde belagert, Nachbarn ausgefragt, das stelle ich mir alles ganz furchtbar vor.

Das alles waren Gedanken, die ich mir als nachdenkliche Staatsbürgerin gemacht habe.

Aus fachlicher Sicht würde ich mich gern zurückhaltend äußern, da Suizide und Flugtauglichkeit nicht gerade mein Kernfachgebiet sind. Aber ich habe bemerkt, dass sich Kollegen ähnlich äußern, und daher liege ich wohl nicht ganz falsch.

Bis zu 95% der Bewerber überstehen das Bewerbungsverfahren für die Pilotenausbildung bei der Lufthansa nicht. Während der gesamten Auswahlphase werden die Bewerber von allen Seiten ausgeleuchtet und von erfahrenen Psychologen eingeschätzt. Es ist ziemlich sicher, dass jemand, der an einer ernsthaften psychischen Störung leidet, diese in einer tagelangen Prüfungssituation, in der man sich in permanenter Forderung in einer Gruppe bewegt, nicht überspielen kann. Gerade Patienten mit mindestens mittelschweren Depressionen würde es zudem an der nötigen Energie und am Antrieb dazu fehlen. Depressiven Personen mangelt es an Zuvertrauen in die eigenen Fähigkeiten sowie an Selbstwertgefühl, beides ist mit einem sicheren, aber nicht arroganten oder überheblichen Auftreten kaum vereinbar. Bei einem Bewerber, der das Auswahlverfahren übersteht und für die Pilotenausbildung zugelassen wird, kann man sicherlich zu 99,99% davon ausgehen, dass er physisch und psychisch für den Job geeignet ist (100% Sicherheit gibt es nicht). Natürlich können auch ausgebildete Piloten im Verlauf ihres Berufslebens an allen möglichen Krankheiten erkranken, auch an Depressionen, und natürlich ist da immer die Angst, nicht mehr fliegen zu dürfen. Meiner Erfahrung nach (die sich allerdings bislang auf Seeleute und Berufskraftfahrer stützt) sind Menschen in sensiblen Berufen einsichtig, wenn man mit ihnen in Ruhe bespricht, warum die weitere Berufsausübung zumindest vorübergehend nicht möglich ist. Eine Verpflichtung zu bestimmten Ärzten, die Informationen kurzerhand an den Arbeitgeber weitergeben, sehe ich deswegen höchst kritisch, nicht nur wegen des Rechts auf freie Arztwahl und der ärztlichen Schweigepflicht. Piloten, Kapitäne, Busfahrer und Lokführer sind in aller Regel sehr stolz darauf, Menschen sicher durch die Gegend zu transportieren und nach Hause zu befördern, und sie wissen, dass sie das unter gewissen gesundheitlichen Umständen nicht mehr können.

Bleiben Suizid und Depression. Erweiterter Suizid umschließt nahezu ausschließlich Personen, die dem Täter nahestehen, die er mitnehmen möchte. Depressive Personen, die sich suizidieren, sind in aller Regel schwer betroffen und befinden sich in einer subjektiv aussichtslosen Lebensituation. Häufig geschehen Suizide dann im Affekt, was übrigens ein Grund dafür ist, dass man Personen vor bzw. nach Suizidversuchen retten sollte. All das scheint bei dem Copiloten nicht vorzuliegen. Schwer depressiv kann er nicht gewesen sein, denn solche Personen schaffen es morgens nicht einmal, aus dem Bett aufzustehen, geschweige denn pünktlich einen Arbeitsplatz zu erreichen und einen Airbus zu fliegen. Affekt finde ich schwierig, da es mir schwer einleuchtet, wie jemand im Affekt einen Sinkflug einleitet und dann gemütlich 8 lange Minuten lang dabei zusieht, wie die Maschine auf den Berg zurast. Geplant haben kann er das Ganze auch schlecht, denn wie konnte er ahnen, dass der Kapitän zu einem eher ungewöhnlichen Zeitpunkt das Cockpit verließ?

Und damit beende ich meine persönlichen, allerdings an den bekannten Tatsachen und einigem Sachverstand orientierten Spekulationen mit der Hoffnung, dass die ganze Angelegenheit tatsächlich vollständig aufgeklärt wird. Bei den umfassenden medialen Vorverurteilungen habe ich da allerdings inzwischen wenig Hoffnung.

Mein Beileid und Mitgefühl gilt allen Hinterbliebenen.

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6 Antworten zu Unschuldsvermutung? Schweigepflicht? Pressekodex?

  1. Herr Ackerbau schreibt:

    Danke. Wahrscheinlich wird man’s nie wissen. Ich bin mir aber sicher, dass das, was gerade durch die Zeitungen gezogen, nicht der letzte Stand sein wird.

  2. Pingback: Nachtrag: | hafensonne

  3. allesistgut schreibt:

    Die Unschuldsvermutung ist wohl nichts mehr wert. Dass der französische Staatsanwalt den Namen des Co-Piloten genannt hat, hat mich wirkich schockiert. Die Wahrheit werden wir nicht jedenfalls nicht erfahren.

  4. Frau Tonari schreibt:

    Du schreibst mir aus der Seele.
    Ich bin in Gedanken wirklich oft bei den Hinterbliebenen des Co-Piloten.
    All die Spekulationen, all die Kübel Schmutz … Schwer zu ertragen.

  5. Carola Pfeffer schreibt:

    Ein sehr gut geschriebener Artikel hinsichtlich Beschwichtigung.
    Eine bipolare Störung, die intelligente – und gut situierte – Menschen sehr gut vertuschen können,
    ist nicht immer von Fachkräften herausfindbar.
    Nein, ganz im Gegenteil. Diese Betroffenen leiten ihr Problem entweder um oder finden jemanden dafür.
    Es werden durch diesen Artikel die Angehörigen geschützt, was ich auch für wichtig empfinde…
    Auch meiner Meinung nach trifft den Co-Piloten keine Schuld.
    Jedoch vertrete ich die Meinung, dass er eine Störung hatte. Recherchen haben bewiesen, dass es bei bipolaren Störungen zu Zwängen kommt. Seien es Ängste oder auch innere Stimmen. Das Leben läuft in dem Moment nicht ab wie beim HD-Fernsehen sondern es ist vergleichbar einer Bildstörung… und sei es nur für acht Minuten.
    Solange wir Menschen nichts über diese „Krankheit“ wissen und nicht aufgeklärt sind, so lange werden wir unser „anderes“ Gegenüber verachten und verdammen.
    Und es gibt unter uns nicht nur EINEN Co-Piloten…
    In Gedanken an die Hinterbliebenen
    Carola Pfeffer

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