Schnapspralinenidee*

Unser mecklenburgisch-vorpommerischer Innenminister möchte sich für eine allgemeine Null-Promille-Grenze für ALLE Fahrzeugführer starkmachen, also auch für Radfahrer. Kurz nach dem Lesen dieser Nachricht hatte meine Stirn kurzfristig das Verlangen, mit der Tischkante zu kuscheln Kontakt aufzunehmen. Leute. Was wollt Ihr denn noch alles verbieten? Vielleicht kann man über die absolute Fahruntauglichkeitsgrenze von 1,6 Promille diskutieren. Vielleicht untersucht man vorher aber auch, in wie vielen solchen Fällen es überhaupt Probleme gegeben hat und wieviel Fremdgefährdung dabei vorgelegen hat. Der große Unterschied zwischen dem betrunkenen Autofahrer und dem betrunkenen Radfahrer besteht ja vor allem darin, dass der Radfahrer sich in aller Regel vor allem selbst gefährdet, während betrunkene Autofahrer für einen großen Teil schwerer Unfälle mit schweren Verletzungen bis zur Todesfolge für Unbeteiligte verantwortlich sind. [Ähnlich sieht es mit überhöhter Geschwindigkeit aus. Im Vergleich zu der drastischen Maßnahme von Null Promille für Radfahrer wird dagegen vergleichsweise wenig unternommen, und die Strafen sind in aller Regel recht lächerlich.]

Ich bin natürlich auch schon mit mehr als Null Promille radgefahren. Logo. Selbst in Berlin mit seinem ausgezeichneten Nachtverkehr gibt es Wege, die zu Fuß zu lang sind, aber nicht sinnvoll vom ÖPNV abgedeckt werden. Immerhin hat es mich in ca. 20 Jahren nur einmal längsgelegt, und das auch nur, weil mich mit dem Auto überholende Freunde direkt auf gleicher Höhe angehupt hatten (wenn man solche Freunde hat, braucht man keine Feinde mehr ^^), dabei ist mir außer Asphaltflechte an den Pfoten (wie auch immer ich DAS hinbekommen habe) und ein bisschen Bein-aua-aua nichts weiter passiert. [Dass ich in diesen Zeiten auch ganz ohne Promilleeinwirkung häufig ohne Licht unterwegs war und entsprechend immer mal wieder interessante Begegnungen mit der Polizei hatte, ist eine andere Geschichte.] Heutzutage bin ich mit LED vorne und Standlicht hinten unterwegs, trage eine Warnweste (!) und verfüge über ein mit Spikes ausgerüstetes Winterfahrrad, falls mal Schnee fällt. Und mit 3.8 auf dem Turm bin ich schon lange nicht mehr gefahren. Man wird also wider Erwarten doch irgendwie erwachsen mit der Zeit.

To make a long story short: Mir fehlt – auch wenn das nur ein Vorstoß ist – die Verhältnismäßigkeit. Im Straßenverkehr gibt es doch wirklich drängendere Probleme als besoffene Radfahrer. In ganz MV gab es wohl laut Ostseezeitung von gestern im vergangenen Jahr eine zweistellige Zahl von Unfällen, hervorgerufen durch stark alkoholisierte Radfahrer, mit insgesamt einem Todesfall. Sicher einer zu viel. Alkoholisierte Autofahrer haben im letzten Jahr sicherlich mehr Menschenleben gekostet, ich habe nur aktuell wirklich keinen Bock, nach den Zahlen zu suchen. Googeln könnt Ihr ja selber.

Andererseits kann ich mich ja nun entspannen. Was soll denn die Strafe sein? Mir kann man ja nicht mal die Fahrerlaubnis wegnehmen ;-).

*eins der schönen neuen Worte aus den Känguruhchroniken 😀

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5 Antworten zu Schnapspralinenidee*

  1. allesistgut schreibt:

    Na, dann kann Dir ja nichts passieren, wenn Du gar keinen Führerschein hast. 😉 Die Verhältnismäßigkeit halte ich auch für etwas … naja.

    • hafensonne schreibt:

      Naja, aber das meine ich doch. Hat die Polizei wirklich nichts besseres zu tun, als ein solches Radfahrverbot durchzusetzen? Und die Behauptung, Alkohol sei bei Radfahrern die Unfallursache Nummer eins, finde ich schon stark. Ich dachte immer, die größte Gefahr geht davon aus, von Rechtsabbiegern, insbesondere Transportern und LKW, nicht gesehen zu werden. Wenn ich besoffen hinfalle, gefährde ich hauptsächlich mich selbst. Ich finde es langsam bedenklich, in welchen Lebensbereichen mich der Staat vor mir selbst schützen möchte. Wichtiger finde ich eigentlich, dass er mich vor anderen, z.B. rücksichtslosen Autofahrern schütze!

      • pluvia schreibt:

        Wie die Statistiken genau aussehen, weiß ich leider nicht. Aber es kann auch schon einiges passieren, wenn zwei Fahrradfahrer kollidieren oder der Fahrradfahrer einen Fußgänger über den Haufen fährt. Die Oma hat dann gerne mal nen Oberschenkelhalsbruch, der bei alten Leuten ja gerne der Beginn einer gesundheitlichen Abwärtsspirale ist. Oder überlege mal, was passiert, wenn ein Kleinkind auf dem Gehweg angefahren wird. Klar, der LKW ist NOCH gefährlicher, aber dass heißt ja nicht, dass der Fahrradfahrer nicht auch gefährlich sein kann. Ein ehemaliger Kollege ist z.B. mal nachts mit einem angetrunkenen Fahrradfahrer kollidiert, der auf der falschen Straßenseite ohne Licht um die Ecke bog und in ihn reingefahren ist. Gehirnerschütterung und ein ausgeschlagener Frontzahn beim Kollegen waren die Folge (und das, obwohl der Kollege nen Helm trug). Sowas http://www.wn.de/Muenster/2012/08/Zusammenstoss-Zwei-Radfahrer-schwer-verletzt http://www.rp-online.de/nrw/staedte/duesseldorf/zwei-radfahrer-bei-unfall-verletzt-aid-1.1114572 http://www.presseportal.de/polizeipresse/pm/14915/2750543/pol-ma-nach-zusammensto-zwei-fahrradfahrer-verletzt liest man auch immer mal wieder.

        Also, FALLS Alkohol die Zahl der Unfälle, die durch Fahrradfahrer verursacht werden, erheblich steigen lässt, dann sollte man das betrunken fahren vielleicht doch lieber lassen.

      • pluvia schreibt:

        PS Das Bedürfnis nach Kontrolle hängt sicher auch davon ab, wie es um das Radfahreraufkommen in einer Stadt so bestellt ist. In MV mag das Problem vielleicht wirklich vernachlässigbar sein. In Städten wie Freiburg (Breisgau) oder Münster (Westfalen) sieht die Sache schon wieder anders aus!

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