Worte zum Sonntag

Natürlich haben mich die Attentate in Paris erschüttert und schockiert. Aber einiges stößt mir dann doch auf.

Ist es nicht immer und in jedem Fall erschütternd und schockierend, wenn zwei schwerbewaffnete Männer kaltblütig 12 Menschen ermorden, ja hinrichten? Wenn sich ein Gewalttäter in einem Supermarkt gleich welcher Coleur verschanzt und dort mehrere Personen ermordet? Weder religiöse Empfindlichkeiten noch sonst irgendetwas kann so ein Verbrechen rechtfertigen, relativieren oder auch nur erklären.

Allerdings ist mir mindestens ebenso unklar, warum diese Taten nicht mit dem Islam an sich in Verbindung gebracht werden dürfen. Wieso eigentlich nicht? Schließlich berufen sich die Millionen friedlichen Muslime auf dasselbe Buch wie die Attentäter. Und das in diesem Buch nicht nur die Tötung von sogenannten Ungläubigen geduldet, sondern geradezu dazu aufgefordert wird, ist nun auch kein Geheimnis. Solange sich die Mehrheit der Muslime und vor allem ihrer geistlichen Führung davon nicht eindeutig distanzieren im Sinne der Aufklärung, wird es immer Fanatiker geben, die unter Berufung darauf Selbstjustiz üben werden.

Mit welchem Recht verlangen die Muslime eigentlich von den Nichtmuslimen die Befolgung ihrer religiösen Regeln? Schön und gut, wenn sie ihren Propheten nicht abbilden und nicht schmähen sollen, aber das gilt doch nicht für mich! Ich und offensichtlich eine ganze Menge anderer Leute lasse mir von einer Religion, die nicht meine ist, Vorschriften machen. Im Gegenteil birgt ja meine ausgeprägte Nichtreligiösität für mich den großen Vorteil, dass ich nicht einfach brav das mache, was mir ein anderer vorschreibt, sondern ich mir schon selbst ein paar Gedanken darüber machen muss, was richtig und was möglicherweise falsch sei. Die Problematik wird für mich in der Reaktion unter Muslimen auf das aktuelle Titelbild von Charlie Hebdo deutlich. Ich kann beim besten Willen nichts Beleidigendes darin erkennen. Ja, es ist eine Mohammedkarikatur, und nein, sie ist nicht von Muslimen angefertigt oder veröffentlicht worden. Ich finde die Zeichnung angesichts der unglaublichen Attentate überaus gelungen und mit einer zur Versöhnung gegenüber den vielen friedlichen Muslimen in aller Welt gereichten Hand versehen.

In diesem Zusammenhang möchte ich daran erinnern, dass die judenkritischsten Witze seit jeher von den Juden selbst gemacht werden (und in aller Regel wirklich witzig sind). Selbstironie ist vielleicht das beste Mittel, sich aus seinem eigenen Trott herauszulösen und mit den Augen der Außenstehenden (Ungläubigen) zu sehen, wie das eigene Gebaren möglicherweise bei der Umwelt ankommt. [Leider ist es inzwischen dazu gekommen, dass Kritik an der Politik des Staates Israel reflexartig zu Antisemitismus umgedeutet wird, aber das führt jetzt zu weit.]

Schlussendlich: So beeindruckend die Solidaritätsbekundungen waren, so schal ist mir der Nachgeschmack von deren konzertierter Uniformität und Einfallslosigkeit. Man hält ein Schild millionenfach in die Kamera, winkt vielleicht noch mit einem Stiftchen, und schon hat man sich artikuliert. Auf einmal waren alle Charlie, und das französische Patentamt musste in einer Eilentscheidung feststellen, das Je suis Charlie nicht als Warenmuster oder wie das heißt eingetragen werden kann – es lagen bereits mehr als 50 Anträge auf ebendieses vor. Tassen, Pullover und Baseballkappen mit der Solidaritätsbekundung bedruckt – es ist wirklich schwer zu begreifen.

Dieser Beitrag wurde unter nachdenkereien veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s