Oberste Dreistigkeit

Als Vertreterin einer eher selteneren Fachrichtung meiner Zunft und Mitarbeiterin an einer Uniklinik ist es für mich selbstverständlich, für Studentinnen und Studenten meines Fachs Praktika anzubieten. Zu diesem Behufe habe ich sowohl in einem einschlägigen Onlineportal als auch auf der Internetzseite meines Berufsverbands eine entsprechende Ausschreibung veröffentlicht. Seitdem rennen mir die Leute die Bude ein kommen regelmäßig Anfragen, und seit dem Frühjahr bin ich – mit Ausnahme von jetzt bis Februar – bis zum nächsten Oktober ausgebucht. Die Semesterferien sind naturgemäß gefragter.

So weit, so gut. Der Plan war natürlich, nach kurzer Einarbeitung meine Dissertation zu schreiben selbstlos Wissen und Können dem Nachwuchs zur Verfügung zu stellen und diesen im Sinne meiner Zunft zu formen diesem als hoffentlich brauchbares Vorbild zu dienen. Bis jetzt hatte ich zwei Mädels, und wenn sich auch beide deutlich voneinander in fast jeglicher Hinsicht unterschieden, so denke ich doch, dass mein Plan einigermaßen aufgegangen ist. Bis auf das Detail mit der Doktorarbeit *seufz*.

Kurz vor dem Urlaub kontaktierte mich ein Student, der durchaus „zeitnah“ ein Praktikum machen wollte und ein unglaublich großes Interesse an meinem Fachgebiet bekundete. Da ja wie gesagt bis Februar Platz ist, sagte ich für die Zeit nach meinem Urlaub zu.

Die Primärpersönlichkeit des Burschen erschien etwas seltsam, das ist für die Geschichte nicht ganz unwichtig, sonst würde ich sowas nicht erzählen. Insgesamt wirkte er basal unsicher, imponierte aber mit einer unauthentisch, aufgesetzt und antrainiert wirkenden, leutseligen Fassade. Den ärztlichen Kollegen stellte er sich mit einer Ausführung seines bislang glücklicherweise übersichtlichen Lebenslaufs vor und endete mit den Worten „… und wenn wir uns auf dem Gelände oder in der Klinik treffen, dann möchte ich, dass Sie mich *eigener Vorname* nennen!“ Er übertrieb es maßlos, andere Leute mit Vornamen anzureden, vor allen einfachste Anreden mit dem Vornamen einzuleiten. Trotz einer gegenteiligen Instruktion beim Vorstellungsgespräch rückte er beim ersten Patientenkontakt der Untersuchungssituation zu sehr auf die Pelle und mischte sich ungefragt ins Gespräch ein. Dabei mimte er auf peinlichste Weise einen Vertreter meiner Zunft, wie nur er ihn sich vorzustellen vermochte. Kurz gesagt, er war anstrengend.

Am Mittwoch erschien er nicht zur verabredeten Zeit. Eine Viertelstunde später klingelte das Telephon. Unbekümmert verkündete das Bürschchen den sagenhaften Satz:

*Vorname*, ich habe beschlossen, das Praktikum an dieser Stelle zu beenden.

Weiter ging es mit: Ich habe festgestellt, dass das Fachgebiet absolut nicht meins ist. Überhaupt nicht. Gar nicht. Zwei Tage reichen mir dafür. Vollkommen. Mit Dir hat das gar nichts zu tun. Du arbeitest vollkommen professionell. Also soweit ich das beurteilen kann.

Dazu kann man ja erstmal nicht viel sagen. So ging es auch allen Kollegen, denen ich dieses erzählte. Das Anspruchsdenken des Nachwuchses scheint eine neue Qualität zu erreichen.

Epilog.

Natürlich schrob ich dem Bengel noch eine ellenlange Mail, auf welchen Ebenen ich sein Verhalten inakzeptabel finde. Es ist mir eigentlich egal, ob das was bringt, das ist für meine eigene Psychohygiene.

Heute kam die Antwort:

Danke für Deine Rückmeldung, um die ich nicht gebeten hatte.

Was soll man nun dazu sagen? Ich hoffe nur, er schafft den Sprung in meine Zunft nicht.

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8 Antworten zu Oberste Dreistigkeit

  1. allesistgut schreibt:

    Ach irgendwie lustig, das jedenfalls so als Aussenstehende zu lesen. „Danke für Deine Rückmeldung, um die ich nicht gebeten hatte.“ 😀 Aber hatte er da nicht den Vornamen vergessen? 😉 Nichts für ungut. Du weisst ja, werden Schaden hat.

  2. Frau Tonari schreibt:

    Er sollte dringend Psychologe werden und sich zunächst selbst therapieren 😉

    • hafensonne schreibt:

      Mehrere Ärzte kommentierten seinen Verzicht heute mit Begriffen wie „latent psychopathologisch“. Das mit der Selbsttherapie ist tatsächlich Motiv einer Minderheit der Psychologiestudenten, kann aber naturgemäß nicht funktionieren. Genauso wie Lehrerkinder oft ja sehr anstrengend sind 😉

  3. seepferdchenblog schreibt:

    Das ist wirklich ulkig, auch wenn ich nicht direkt vom Fach bin, erinnert mich dieses Gehabe an irgendjemand. Besonder nervig finde ich die Sache mit dem Vornamen, was aber zu der Entscheidung von “ vorname“ , das Praktikum abzubrechen geführt hat, kann ich nicht nachvollziehen…Leute gibt es!

  4. Pingback: Fünf Jahre, ein Tag* | hafensonne

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