Mein persönlicher Mauerfall

Mir fällt es etwas schwer, zu beschreiben, wie ich den Mauerfall erlebt habe. Bei meinen Erinnerungen handelt es sich um ein unvollständiges Mosaik aus lauter bunten Steinchen. Fakt scheint jedoch zu sein, dass wir die Ereignisse des 9. Novembers buchstäblich verschliefen. Meinen Eltern und auch meinem Großvater scheint die Pressekonferenz auch nicht sonderlich Handlungsanweisung gewesen zu sein, ähnlich wie es Frau Tonari beschreibt. Am nächsten Morgen gingen wir zur Arbeit, zur Schule, in den Kindergarten bzw. spielten Klavier wie jeden Vormittag um 11. In der Schule erzählte man sich, dass die Mauer auf sei. Ich glaubte kein Wort davon. Allerdings gab es tatsächlich Schüler, die fehlten, und Schüler, deren Eltern (bzw. eher der einzige Elternteil) nicht mehr aufgetaucht waren. Indizien.

Nach Rücksprache mit meiner Mutter gehen hier die Erinnerungen weit auseinander. In meiner Erinnerung holte ich ganz normal die Schwester aus dem Kindergarten ab. Wer nicht auftauchte, waren die Eltern. Gut, Opa war ja noch da. Ich pflegte mit meinem Opa abends Nachrichten zu schauen, erst die Aktuelle Kamera und dann die Tagesschau. Sicherlich haben wir die Bilder von der Bornholmer Straße gesehen. Erinnern kann ich mich daran nicht, ich krieg aber immer schlimm Erpelpelle, wenn davor Originalbilder gezeigt werden wie vor 5 Jahren beim 20jährigen Jubiläum die kompletten Aufzeichnungen vom Spiegel oder wer das war. Jedenfalls bin ich der festen Meinung, dass unsere Eltern ohne uns nach Westberlin zu Tante Gerda gefahren sind. Meine Mutter ist der Meinung, dass wir mitwaren und auch am nächsten Tag direkt zu Tante Lotti gefahren sind.

Allerdings erinnere ich mich auch daran, dass wir irgendwo über die Grenze gegangen sind, wo noch auf LKW die Visa in die Pässe gestempelt wurden und dann immer die Namen der Familien gerufen wurden, deren Pässe jetzt fertig waren. Ich erinnere mich an die Grenzübergänge Sonnenallee, Bornholmer Straße, Friedrichstraße und Warschauer Straße, die ich zu Zeiten der Ausweiskontrollen übertreten habe. Friedrichstraße durch den Tränenpalast mit der berühmten Tür ohne Klinke, Warschauer Straße durch ein heute nicht mehr existierendes, typisches DDR-Barackengebäude, an der Stelle heute eine mehrspurige Straße, die als Oberbaumbrücke Friedrichshain mit Kreuzberg verbindet. Damals war die Oberbaumbrücke freilich nur eine Straßenbrücke ohne Türmchen und ohne U-Bahn.

Westberlin war für mich exotischer, als es der Orient je ein könnte (dachte ich damals, heute sieht das, gerade wenn man als Frau den Orient bereisen würde, sicherlich doch noch einmal anders aus). Supermärkte, die im Erdgeschoss von Wohngebäuden residierten. Rote Spuren für Radfahrer auf den Bürgersteigen. Bunte Reklame, Zeitungen mit großbuchstabigen Schlagzeilen, Sexshops und die vielen, vielen Autos aus richtigem Blech! U-Bahnfahrten durch Geisterbahnhöfe waren mein persönliches Highlight.

Aktuell verfolge ich den Staatsakt in Berlin und verstehe jetzt, warum Herr Wowereit mit Verspätung zurückgetreten sein wird. So eine Gelegenheit, als charmanter und ernsthafter Gastgeber zu brillieren, lässt er sich natürlich nicht entgehen. Und er macht das übrigens hervorragend! Nichts gegen Wowi! Wer, wenn nicht er könnte so großartig namhafteste Gäste aus aller Welt willkommen heißen, die direkt oder indirekt am Mauerfall beteiligt waren. Standing ovations für Gorbi. Zu Recht. Ab jetzt besteht hier ernsthafter Erpelpellenalarm.

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6 Antworten zu Mein persönlicher Mauerfall

  1. Frau Tonari schreibt:

    Danke, dass Du Deine Erinnerungen aufschreibst. Vielleicht kannst Du mit Hilfe Deiner Familie ja den Tag noch ein bisschen rekonstruieren.

    Ich bin das erste Mal am Wochenende nach dem 9. November an der Heinrich-Heine-Straße rüber.
    Schon, weil ich sehen wollte wie dort die Mauer von der anderen Seite ausschaut.
    Leider habe ich nicht fotografiert und meine Erinnerungen an die Mauer am Engelbecken sind auch irgendwie ausgelöscht. Ich weiß noch, dass wir auf einen dieser Aussichtstürme gestiegen sind, von denen man über den Mauerstreifen in den Osten gucken konnten. Ich fands… pervers. Wir waren schließlich keine Zootiere 😉

  2. Frau Tonari schreibt:

    „Gorbi, Gorbi!“ Diese Rufe am Brandenburger Tor gingen mir eben unter die Haut.

    Die Rede vom Wowi fand ich nicht so dolle.
    Gehetzt, unakzentuiert, abgelesen und seiner nicht würdig. Mir fehlte die Rührung, der persönliche Bezug. Und einen Wolfgang Biermann zu begrüßen… *räusper*

    • hafensonne schreibt:

      Meinst Du jetzt beim Staatsakt im Schauspielhaus? Das war ja mehr so’ne Begrüßung. Ich fand, das hat er eigentlich ganz gut hinbekommen. Gut, Wolfgang Biermann, da musste ich auch schmunzeln. Ich hatte das Gefühl, dass er durchaus Akzente gesetzt hat. Vergleiche doch zum Beispiel, wie er die gesundheitsbedingte Abwesenheit von Hans-Dietrich Genscher bedauerte und die von Kohl kurz und knapp erwähnte… der Kanzler der Einheit… nun gut, vor 25 Jahren hatte er nicht mal die Westgrenzen Polens anerkannt 😛

  3. Anikó schreibt:

    Ich habe gar keine richtigen Erinnerungen daran. Kann daran gelegen haben, dass ich erst 7 war und Rostock dann doch eher am Rande der Republik lag. Aber wenn ich das heute sehe, auch die ganze Zeit auf’m rbb, dann bekam ich doch an der ein oder anderen Stelle Pipi in die Augen. Ich bin so unendlich dankbar, dass das alles passiert ist!

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