Ganz großes Kino

Untertitel: Beziehungen schaden nur dem, der keine hat*.

Stellen Sie sich vor, Sie gehen ins Kino, nein, kein Blockbuster, sondern Programmkino, ein einfühlsames, anspruchsvolles Portrait über einen, sagen wir Seemann. Schwarz-weiß muss nicht, aber kann. Keine schnellen Schnitte, zwischendrin immer mal wieder Bilder der tosenden See oder zumindest des gekräuselten Flusses, der eine wichtige nichtmenschliche Nebenrolle ausfüllt. Der Film spielt in einer, höhö, Hafenstadt.

Die Vorgeschichte wird natürlich in samtig-weichgezeichneten Rückblenden erzählt.

Der Seemann begibt sich zwecks beruflicher Umorientierung in eine andere Hafenstadt, wo ihm unter Zusagung allerlei Zulagen ein unbefristeter Arbeitsvertrag ausgehändigt wird. Seine Aufgabe besteht darin, mit einer Autofähre zwischen zwei Ufern eines Flusses hin und herzufahren zwecks Transports von Autos, Bussen, LKW, Fahrrädern, Fußgängern und nicht zuletzt auch Rettungswagen. Das Ganze in drei Schichten auf zwei verschiedenen Schiffen, natürlich auch am Wochenende und feiertags.  Dieser Aufgabe geht der Seemann schmuck in Uniform, gewissenhaft und sorgfältig nach. Rasch erlernt er alles Wichtige und auch das Unwichtige der Tätigkeit. Maschinen anmachen und wieder ausmachen, Tropföler beobachten und einstellen, Ölwechsel machen usw. Er mag seine Kollegen, kommt mit allen gut aus und hat nicht das Gefühl, irgendetwas falsch zu machen.

Soweit die Vorgeschichte.

Am vergangenen Donnerstag, der Seemann hat frei und gibt sich dem Müßiggang dem Bau eines Holzunterstandes hin, klingelt das Telephon. Die Personaltante der Reederei verkündet, dass das Ende der Probezeit ja nun anstünde, und bestellte den Seemann für den Freitag, 13 Uhr ins Büro ein.

Am Freitag um 13 Uhr wird dem Seemann mitgeteilt, dass er hiermit fristgemäß innerhalb der Probezeit* und daher ohne Begründung zum 12.09. gekündigt sei. Er habe noch sieben Tage Urlaub und 5 Tage frei, daher habe er keinen Dienst mehr. Tschüß!

Die Kollegen sind vollkommen entsetzt. Niemand wusste etwas davon.

Am Nachmittag ruft der Seemann mehrere Persönlichkeiten an, u.a. einen langjährigen Bekannten*, der seit einiger Zeit mehrere Schiffe für die Versorgung der Offshore-Windparks betreibt. Er sagt, dass er neuerdings Arbeit suche. Er wird für den Sonnabend, 12 Uhr aufs Schiff einbestellt.

Am Sonnabend wird zunächst etwas Small-talk betrieben, natürlich ist auch dieser Kollege vollkommen entsetzt über das Verhalten der Reederei. Dann geht es aufs Schiff. Das Patent des Seemanns wird kurz beäugt, dann folgt eine Kalenderbegutachtung, dann fällt der Satz Okay, ich stell Dich dann ein. Zum 15. Die Brücke wird wieder verlassen, auf dem Vorschiff dann die Frage Was hast Du jetzt verdient? Okay, das kriegst Du bei mir auch. Dann erfolgte der obligatorische Handschlag zwischen zwei Männern, und dann noch eine halbe Stunde Lästerei über andere Reeder. Das wars.

Keine 24 Stunden nach der Kündigung war der Seemann wieder in Lohn und Brot, oder, wie Seeleute sagen, geheuert. Sonnenuntergang, Abspann, Happy Ending.

Sie finden diese Story reichlich unwahrscheinlich, unrealistisch und übertrieben? Sie verlassen das Kino mit einem Gefühl von Jaja, im Film haben die immer Fortuna parat?

Das finde ich auch.

Meinem Mann ist genau das letzte Woche passiert. So, wie ich es hier aufgeschrieben habe. Puh.

*mit einem freundlichen Zwinkern in Richtung Bützow 😉

*wohlgemerkt zwei Tage vor Ende der Probezeit

*Da auch ein guter Kumpel vom Seemann dort arbeitet, ist der Seemann regelmäßig auf dem Weg von oder zur Arbeit am Liegeplatz rangefahren, um einen Schnack zu halten, wie man hier sagt. Man lästert ein bisschen über andere Reeder und so. Die Kollegen erzählen, dass der Chef händeringend Leute braucht. Also ist – sogar unabhängig von der Kündigung – klar, dass das ein Plan B sein könnte.

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3 Antworten zu Ganz großes Kino

  1. Stef schreibt:

    Der Stoff hätte wirklich einem Film zur Ehre gereicht. Aber wenigstens mit Happy End. 🙂

  2. Frau Tonari schreibt:

    Dann drücke ich mal beide Flossen, dass es ein Happy End über die neue Probezeit hinaus gibt.
    (Puh, das las sich nicht sehr entspannend. Aber ich freue mich von Herzen für und mit Euch.)

    • hafensonne schreibt:

      Mal sehen, ob es im neuen Arbeitsvertrag überhaupt eine Probezeit gibt. Entspannend war es für uns auch nicht, aber die schnelle Wendung hat gutgetan. Zumal der Capitano den neuen Job sowieso besser findet als den alten. Danke fürs Flunkendrücken!

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