Über die Beliebtheit der Sachsen außerhalb von Sachsen

Sachsen sind häufig nicht besonders beliebt außerhalb von Sachsen. Sachsen verstehen das meistens nicht, weil sie sich selbst ja für unglaublich freundlich, herzlich und was-auch-immer halten. Mit diesem Beitrag möchte ich in zwei Beispielen mögliche Gründe für die Unbeliebtheit von Sachsen außerhalb von Sachsen skizzieren.

Man denke sich einen typischen dänischen Naturzeltplatz (siehe vorletzter Beitrag). Diese sind für die Benutzung durch Radfahrer und Wanderer gedacht und angelegt worden. Einige solche, namentlich Radfahrer aus Berlin stammend, sitzen an einer typischen dänischen Picknickbank und stärken sich. Plötzlich kommt ein Auto auf das Gelände gefahren. Das muss jetzt noch nichts bedeuten, da dieses dort mehrmals am Tag geschah. In der Regel waren es Dänen, die den Blick über das Gelände schweifen ließen und dann wieder abhauten. Jetzt ist es anders. Es ist ein silberner VW Caddy mit drei rückwärtig aufgeschnallten Fahrrädern und Dresdner Kennzeichen. Auch ohne Kennzeichenkenntnis hätten wir die Insassen allerdings schnell nationalitätenmäßig korrekt zugeordnet. Baden-Württemberg kann kein Hochdeutsch und Sachsen nicht die Klappe halten. Dem Auto entstieg eine vierköpfige Familie inklusive, ich zitiere unsere nette Reisebekanntschaft, kleinem Schädling (die Frau war übrigens gelernte Krippenerzieherin). Nun kann zwar der kleine Schädling nix dafür, aber die ungünstig angebrachte Tonhöhe der kleinkindlichen Äußerungen steigerte die Beliebtheit von Sachsen im Ausland nun nicht gerade. Auch für eine mangelhafte Erziehungsleistung seitens der Eltern kann die Göre nix, daher mochten wir die Eltern auch gleich nicht. Der einzige vernünftige der Familie schien einzig der ca. neunjährige Sohn zu sein, von dem praktisch die ganze Zeit nichts zu sehen und zu hören war. Unter großem Tamtam und entsprechender Geräuschentwicklung wurden nun zunächst die Fahrräder abmontiert, der Kofferraum geöffnet und eine irrwitzige Anzahl von Fahrradtaschen zum zuvor ausgewählten Lagerplatz geschlürt, der natürlich so lag, dass er abends, wo es sich eh abkühlte, im Schatten lag, dafür aber morgens, frühmorgens, mit satter Morgensonne zu rechnen war. Nun gut, haben ja nicht alle so eine schöne Schulbildung mit Himmelsrichtungen und dem Verhalten von Himmelskörpern am Firmament genossen. Das alles begleitet von dem unaufhörlichen Gebabbel des kleinen Schädlings, gegen das die Eltern offenkundig immun waren. Unseren Kummer ob des unwürdigen Spektakels sublimierten wir in der Verbrüderung mit den netten Berlinern unter Zuhilfenahme von Weißwein. Am nächsten Morgen geschah das zu Erwartende: Der kleine Schädling war wach und frönte dem Motto Wenn ich nicht schlafe, schläft keiner. Namentlich ging es die ganze Zeit so: Mama, essen ham. Papa, essen ham. Mama, essen ham. Immerhin hat das Gör (noch) nicht gesächselt. Anders als die Eltern. Ich kann das weder mündlich noch schriftlich wiedergeben, aber unter einer beinahe unbeschreiblichen Geräuschentäußerung machte sich die Familie ans Frühstückmachen. Es war halb sieben, und der kleine Schädling hatte keinen Ausknopf. Zur Krönung der Situation wurde dann plötzlich der Junge, von dem die ganze Zeit zumindest nichts zu hören war, ausgemeckert, warum, war nicht auszumachen. Er hatte sich wohl nicht ausreichend an den feierlichen Vorbereitungen beteiligt – nicht genug gesabbelt wahrscheinlich. Ab diesem Moment waren wir fünf Stunden lang Ohren- und nach dem Aufstehen Augenzeugen eines beispiellosen Zusammenpackens, währenddessen der kleine Schädling unverdrossen in seiner unerträglichen Tonlage schwadronierte. Nicht ein einziges Mal haben wir erlebt, dass die Eltern Ruhe einforderten oder wenigstens dann ein Elternteil mal mit dem Gör verschwand, das den packenden Eltern natürlich auch noch ständig im Weg herumstand respektive einfach verschwand. Als der Caddy dann endlich den Platz verließ, klatschten wir Beifall.

Am nächsten Abend hatten Dänen beschlossen, sich auf dem Platz einer etwas seltsam anmutenden Feierei hinzugeben. Wobei, hingeben ist schon falsch. Es wirkte wie eine vorgeschriebene Feierei, die man nunmal zu begehen habe und die man eben dann auch durchzieht. Aber egal, darum geht es nicht, es soll nur erklären, warum die Feuerstelle besetzt war und auch einige andere Einrichtungen des Platzes. Unter anderem hatten die Dänen zwei Picknickbänke mit Beschlag belegt. Abends, wir waren vorher im Havnekroe essen gewesen, schaute ich auf die einlaufende Abendfähre und sinnierte, was uns die Abendfähre wohl noch so anspülen würde an Gästen. Eine Viertelstunde später radelten sich lauthals unterhaltende Jugendliche vorbei. Sie sächselten und bogen natürlich auf den Zeltplatz ein, der im Sturmschritt genommen wurde. Weder nahmen die Jugendlichen Rücksicht auf bereits anwesende Personen, noch auf die üblichen gefühlten Mindestabstände zu anderen, fremden Zelten, dafür stellten ihnen die Dänen leicht schuldbewusst eine ihrer Picknickbänke hin. Eine lenkende Hand konnte ich zunächst nicht entdecken, wohl aber ein einzelnes Mädchen bei rund zehn Jungs. Das Mädchen verhielt sich hoch rollenkonform und war entsprechend die erste, die mit Gesten versuchte deutlich zu machen, dass die Jungs mal ein bisschen leiser sein sollten. Es fruchtete natürlich nichts. Später schälte sich dann doch eine Art Häuptling in Form eines jungen, rastabezopften Mannes heraus, der sich uns gegenüber als Sozialarbeiter ausgab, aber ich glaube, dass der gerade einmal Erzieher gelernt hatte oder sowas. So eine Gruppenunternehmung findet ja immer auf mehreren Ebenen statt, einmal die Interaktionen innerhalb der Gruppe, aber eben auch die nach außen mit der Umwelt. Und da sollte der erwachsene Begleiter einer 10-Klassen-Abschlussfahrt durchaus auch als korrigierendes Regulativ eingreifen, wenn Interessen der Umwelt und der Gruppe aufeinanderprallen. Zum Beispiel gibt es das Interesse einer kleinen Gruppe von Jungs im geschätzten Alter von 16 Jahren, lautstark miteinander herumzupöbeln, Deine Mudder Sprüche abzusondern und überhaupt allerlei testosterongesteuerten, meist mit Geräusch verbundenen Unsinn zu machen. Alles kein Problem, aber bitte nicht mitten auf dem kleinen Zeltplatz, wo man nicht alleine ist. Desweiteren fand ich es durchaus daneben, jeden einzelnen vor die Alternative baden oder kochen zu stellen. Am Ende saß das Mädchen alleine da und säbelte Zwiebeln in handliche Stückchen, während ein Junge Nudeln in den Topf warf und kaltes Wasser dazuschüttete. Wir erteilten erstmal eine Basislektion in italienischer Küche, wofür sich aber nur mäßig interessiert wurde, die meisten würden die Nudeln ohnehin mit Ketchup essen. Im Verlauf des Abends hielt sich der Geräuschpegel unerwarteterweise sogar in Grenzen, wahrscheinlich weil die Jugendlichen die halbe Nacht am Meer saßen – sehr weise. Allerdings dann am nächsten Morgen dann wieder die Notwendigkeit des morgendlichen Früherwachens, weil zeitig mit dem Frühstück begonnen wurde. Ich möchte nicht mal sagen, dass sie direkt laut waren, aber vor sieben Uhr ist auch Zimmerlautstärke auf einem Zeltplatz zuviel. Als wir dann die Wasserstelle aufsuchten, um Zähne zu putzen, lagen direkt vorm Waschbecken die restlichen Nudeln im Gras. Daraufhin marschierte ich zu der frühstückenden Gruppe zurück und hielt eine Rede, die die Elemente Steigerung der Beliebtheit von Sachsen im Ausland, Zimmerlautstärke vor sieben Uhr morgens sowie fach- und mitmenschengerechte Entsorgung nicht gegessener Nudeln enthielt. Aber wer jetzt denkt, dass nun der Sozialarbeiter tätig wurde und die Beseitigung der Nudelreste veranlasste, der irrt.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter auf der anderen seite, lästerei, urlaub veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Über die Beliebtheit der Sachsen außerhalb von Sachsen

  1. Frau P. aus D. an der E. schreibt:

    HAHAHA,
    kann ich sehr gut mitfühlen und werde deshalb in ca. zwei Jahren den Abflug (übrigens gen Küste!) machen.
    Die Leute sprechen nicht nur so, sondern dazu sind in vielen Belangen wahrhaftig der Sprache Geist:
    Kleinkariert und bräsig dazu.
    Mir, als Ur-Einheimische, rollen sich immer die Nägel und ich kann selbst Hoch-Verantwortliche nicht ernst nehmen…
    Wahrscheinlich ist es auch deshalb die „Roland-Kaiser-Hauptstadt“, wobei sich gewiss unter dem Honk-Publikum viele zugezogene Alt-Bundesbürgerinnen befinden, die tagsüber als permanent-sprachlich-überakzentuierende-schreiende Über-Mütter die Umgebung verpesten.
    Ist ja hier so schick und billig und muss man ständig präferieren, als ob sie für die Vertreibung der Dresdner eine verständige Alimentierung brauchen, die niemnaden interessiert, bzw. auch den langmütig-gemütlichen Sachsen zum Köcheln bringt (Prenzelberg lässt grüßen).
    Sozialarbeiter entsprechen oft dem Klischee: viel diskutieren und den sozialen Erklärbär spielen, praktisch jedoch ignorant agieren oder ausschließlich deligieren…
    Überall!
    Es gibt (viele) Ausnahmen (nicht ohne Grund ist Dresden eine „Honig-Stadt“: warste einmal im Tal, klebste fest) und DD steht nicht immer für „Doppelt Doof“ 😉
    Diese werden jedoch nicht erkannt.
    Weil sie kultiviert und rücksichtsvoll sowie hochdeutsch parlieren können.
    Die anderdeutschen Touristen nerven halt in anderer Art….
    Übrigens hören sich Feind-Bilder immer doppelt so laut an als sie nuscheln können. 🙂
    Gute Genesung!

  2. marc schreibt:

    Die beschriebenen Verhaltensweisen sind nicht typisch sächsisch. Arschlöcher kommen von überall her.

    Was ich allerdings glaub, ist: Wenn sich Leute daneben benehmen und dabei laut Sächsisch sprechen, werden sie sofort als blöde Sachsen abgestempelt.
    (Und manchmal spielt das noch mit bereits vorhandenen Vorurteilen des Beobachters zusammen und wird dann gleich auf alle anderen Sachsen pauschalisiert.)

    Wenn sich aber Leute daneben benehmen und dabei irgendwas anderes als Sächsisch sprechen, dann werden sie nicht als typische Vertreter ihrer Volksgruppe wahrgenommen (falls diese überhaupt erkennbar ist), sondern dann sieht man sie einfach individuell als Arschlöcher.

    Andersherum funktioniert es leider nicht. Wenn jemand was tolles macht und außerdem Sächsisch spricht, dann denkt niemand: ‚DIE Sachsen sind aber toll!‘ Nein, dann wird er maximal individuell als sympathischer Sachse wahrgenommen. (Vielleicht sogar sympathisch, OBWOHL er Sachse ist. Diesen letzten Satz habe ich tatsächlich schon mehrmals von Preußen und Wessis gehört.)

    • hafensonne schreibt:

      Herrschaftszeiten, kann man hier nicht mal halbernst die Erlebnisse vom Wochenende berichten, ohne gleich des Klischeetums verdächtigt zu werden? Ich kann doch nichts dafür, wenn die einzigen Leute, die sich innerhalb von fünf Tagen auf diesem Naturcamping nicht benehmen konnten, Sachsen waren. Nirgendwo steht die untergeschobene Behauptung, das seien typisch sächsische Verhaltensweisen.

      Ich glaube übrigens, dass Dialektsprecher in der Fremde IMMER abgestempelt werden, wenn sie sich lautstark in ihrem Dialekt nicht benehmen können. Das geht Schwaben nicht anders als Hessen und Bayern. Jedenfalls bei mir.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s