Higher Living sowie auch Mill/Waste Home* upon Dysentery*

Das Ruhrgebiet also. Von hier aus deutlich mehr als 500 km entfernt. Autobahn wohlgemerkt. Ja, wir sind nicht mit dem Zug dorthin gefahren. Ohne Bahncard ist so ein Unterfangen schlicht unbezahlbar. Von der umständlichen Erreichbarkeit mal abgesehen. Wenn die Autobahnplaner nicht immer solche Schlenker legen würden, wären es vielleicht auch nur 400 km. Wer weiß das schon? Bei Simcity plant man da anders, geradliniger. Aber zur Autobahn später mehr.

Anlass der Reise war die Hochzeit einer lieben Freundin und Kollegin. Sie, ich und die Trauzeugin waren seinerzeit das triumphierende Triumvirat des Empiriepraktikums in physiologischer Psychologie. Damit die Sache rund bleibt, war auch der seinerzeitige Dozent und jetzige Chef der Freundin eingeladen und erschienen, bei dem wir alle drei unsere Diplomarbeiten schrieben. Soviel zum Hintergrund.

Hinzu nervte das neue Navi mit bei Ferienbeginn nicht unerwartetem hohen Verkehrsaufkommen und entsprechenden Umleitungsvorschlägen, die immer just aufploppten, wenn wir am Abzweig grad vorbeigestanden waren. Also statt Bremen über Hannover. Vorbei am schönen Bielefeld. Pünktliche Ankunft, freundliches Hotel, zum Polterabend ohne Poltern wurden wir sogar abgeholt. Große Wiedersehensfreude. Kapitän vorgestellt. Die Kinder spielten mit so lustigen Fluggeräten, die man per Katschi in die Luft beförderte und die dann propellerig, neonfarbiges Licht ausstrahlend, zur Erde schwebten. Zusätzlich war ein Fastvollmond bestellt worden, das ließ sich gut an.

Anderntags Ausflug in die Fußgängerzone. Was früher einst die Perle der Stadt vielleicht mal war, ist heute… ein Paradebeispiel für jeden Bürgermeister, der erwägt, sich ein schönes großes Einkaufszentrum auf die grüne Wiese zu stellen. Toter kann eine Innenstadt nicht sein. Es gab nicht einmal einen H&M, nur Billig- und Ramschläden und Optiker. Die schaulustigen Passanten waren entsprechend eher nicht der oberen Unterschicht zuzuordnen. Und unser geplanter Raubzug blieb letztlich nur deswegen nicht erfolglos, weil es auf einem nahe angesiedelten Markt noch Tomatenpflanzen zu kaufen gab, sogar unterschiedliche Sorten! Das war dann unser Souvenir aus dem Pott. Buschtomaten. Balkongeeignet wg. begrenztem Höhenwachstum, pflegeleicht dank einzusparender Ausgeizung. Zack, 2,40 Öre übern Tisch geschoben, Tomaten.

Sind dann zu Fuß vom (Oberhausener) Hotel zum (Mülheimer) Schloss Styrum spaziert. Heiß war’s. Das Aquarius ist ein Wassermuseum, passenderweise in einem ruhrnahen Wasserturm untergebracht, das über einen standesamtlichen Trauungsraum nebst eloquentem Standesbeamten verfügt. Nebenan im Schloss war dann gut feiern. Und was uns alles gefallen hat: Obwohl Braut und Bräutigam angemessen aufgeregt waren, ließ sich die ganze Angelegenheit erfreulich entspannt an. Auf viele zeitintensive, aber traditionelle Elemente wurde verzichtet. Da ist weniger wirklich mehr, wenn die Hochzeit für das Paar, um das es ja am Ende eigentlich geht, nicht stressiger als eine Diplomprüfung sein soll (ich meine jetzt die komplette Hauptprüfung mit 6 mündlichen Prüfungen nebst Diplomarbeit). Zudem bewies das Paar eigenen Stil und machte nicht einfach brav das, was geschrieben steht. Der Eröffnungstanz zum Beispiel war kein Walzer, sondern irgendetwas countriges. Der olle Strauß wurde nicht geschmissen, was einige Herren, die mit fest liierten Damen erschienen waren, sichtlich entspannt haben dürfte. Die obligatorischen Spielchen (die es in erfreulich reduziertem Umfang, dafür aber erheblich guter Qualität gab) wurden nicht aneinandergequetscht stundenlang in zermürbender Absicht abgehakt (habe ich auch schon erlebt), sondern immer mal wieder zwischen den Gängen eingeschoben. Am witzigsten fand ich dabei eine Art Videoquiz, angelehnt an die Bilderrätsel aus der NEON, wo die beiden Serien und Filme erraten mussten, die im wörtlichen Sinne dargestellt wurden. Die Rede des Brautvaters war erfrischend kurz und unprätentiös, ganz dem Umstand geschuldet, dass die beiden Protagonisten seit bereits geraumer Zeit fest liiert sind und die Hochzeit damit zwar juristische Besiegelung eines ohnehin vorhandenen Zustands, insgesamt aber jetzt nun nicht die GANZ große Veränderung im Leben aller darstellt.

Ich habe ein paar Leute aus dem Studium wiedergetroffen, den Kapitän vorgestellt, erneut eruiert, warum ich niemals dort hätte leben wollen (es standen ja mal Essen und auch Duisburg im Raum), wir haben uns dort gleichwohl sehr wohlgefühlt, was die Menschen betrifft, und eine entspannte Hochzeit ist eben immer wieder ein schönes Erlebnis auch für einen selbst.

Am Ende, eigentlich eher hinterher, haben wir uns auch noch einmal als Paar neu erlebt. Der Kapitän fährt sehr umsichtig und besonnen Auto. Diesem Umstand verdanken wir sowohl unsere eigene körperliche Unversehrtheit als auch die von Moppi, dem Traktor Golf, und dann wären es nicht 19, sondern mehr involvierte Fahrzeuge auf der A1, km 219 Richtung Bremen* gewesen. Ich durfte mal wieder die schöne Erfahrung machen, dass auch bei der Feuerwehr nicht gleich beim ersten Bimmeln rangegangen wird, und dass man trotz besseren Wissens als erstes doch sowas wie „Ja, ich bin hier auf der A1“ in den Hörer ruft, statt artig den Namen zu nennen und das Anliegen mithilfe von W-Fragen abzuarbeiten. Aber ich hatte mich schnell gefangen und stiefelte, Telephon am Ohr und Watte in den Beinen, durch die Unfallstelle und entdeckte immer neue Wracks. Zum Glück gab es keine lebensbedrohlichen Verletzungen, keine Toten. Viel zusammengeschobenes Blech. Der Schrotthaufen vor unserem Auto war vor zehn Minuten noch ein schweres Motorrad gewesen, dass uns mit 160 Sachen überholt hatte. Die Fahrer sind heilgeblieben. Der Kapitän beeindruckte mich damit, wie er binnen Minuten das heillose Knäuel an Autos, die hinter uns irgendwie zum Stehen gekommen sind, ohne dass es einen weiteren Unfall gab, in eine schicke, breite Rettungsgasse, ach was red ich, Rettungsplatz verwandelt hatte. Andere waren aktiv mit Ersthilfe befasst, es gab keine Panik, kein Schreien, keine hektische Aufgeregtheit, irgendwie hatten sich da die Gutmenschen der akuten Krisenbewältigung getroffen.

Dann hieß es drei Stunden warten. Komischerweise machte mir das deutlich weniger aus als die Aussicht auf drei Stunden Stau, ohne dass man weiß was los ist. Man freut sich einfach so sehr darüber, dass man selber heil davongekommen ist, dass es auf drei Stunden nicht ankommt. Klingt kitschig, war aber wirklich so.

Kurzum, trotz Unfall insgesamt ein sehr schönes Wochenende mit einer tollen Hochzeit und insgesamt sehr schönen gemeinsamen Erlebnissen. Yeah. Und dann jetzt bitte Urlaub.

*Die deutsche Schreibeweise ist uneindeutig und lässt beide Interpretationen zu.

*beliebtes Spiel vor allem von mir und der Lieblingsschwester zu unseren besten bielefelder Zeiten. Hach!

*gleich auf dem ersten Bild rechts vom Polizeiauto Moppi, der Kapitän und icke. Wenn mans weiß 😉

P.S: Einschlägige alte Beiträge sollten eigentlich verlinkt werden, sind aber schwerer aufzufinden als erwartet. Folgt! erl.

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