Metropolenposse

Um den Eisbrecher Stephan Jantzen herum gab es den Sommer über hin und wieder einigen Wirbel. Ich erinnere mal recherchelos aus dem Kopf:

Zampolli, der Besitzer, überwirft sich mit dem Betreiberverein, dieser verlässt den Dampfer einmal ostentativ und dann endgültig. Seither wurden keine Liegeplatz- und Stromgebühren mehr entrichtet. Insofern ist der Hafenkapitän mit dem schönen Namen Gisbert Ruhnke bei jeder Befragung im vergangenen halben Jahr stets sicher, „die Jantzen kann fahren, wohin sie will. Bloß die Liegegebühren müssen natürlich bezahlt werden.“

Während der Hansesail betreibt irgendjemand, vermutlich der derzeitige vermeintliche Besitzer, unter bayerischer Flagge auf dem Dampfer einen bayerischen Biergarten. Peinlich.

Irgendwann heißt es, Zampolli habe den Eisbrecher irgendeiner Umweltorganisation geschenkt, die damit gegen das Abschmelzen der Polkappen protestieren möchte. Wie man das ausgerechnet mit einem Eisbrecher macht, der ja dafür gedacht ist, Eis eher kaputtzumachen, wurde dabei nicht thematisiert.

Dafür ist immer wieder Thema, dass alle Beteiligten seitens des Dampfers stets wünschen, der Hafenkapitän möge doch bitte o.a. Liegeplatz- und Stromgebühren erlassen, wahlweise solle die Stadt dieses tun. Begründung: Man würde im Gegenzug den Eisbrecher in Rostock liegenlassen und eine Art Herbergsbetrieb installieren.

Die Rostocker Bürgerschaft zeigt sich erstaunlich uninteressiert an dem Dampfer. Erst habe ich das nicht verstanden, inzwschen habe ich das Gefühl, dass da einige Personen eine Terence-Hill-würdige Pokerrunde abziehen.

Kürzlich kam heraus, dass ein Taugenichts aus Heidelberg den Dampfer besitzen soll. Er plane, die Stephan Jantzen nach Litauen in eine Werft zu schleppen, dort aufzumöbeln und dann den Dampfer aus eigener Kraft nach Bremerhaven fahren zu lassen, wo er mildtätige Werke ausüben soll. Das Nordmagazin (siehe unten) behauptet hingegen, der Eisbrecher sollte zur Verschrottung abgeschleppt werden.

Tatsächlich fuhr am Freitagmorgen ein hier unbekannter Schlepper namens World Tug in den Stadthafen und legte sich direkt vor den Eisbrecher. Interessanterweise wurde er vom Küstenwacheboot BP 61 verfolgt, das seelenruhig direkt dahinter davor festmachte.

Sonnabend morgen konnten wir vom Ausguck unseres neuen Domizils aus beobachten, wie der Schlepper ganz offenkundig ohne Stephan Jantzen wieder stromabwärts fuhr. Da hierzulande eine Schlepperstunde im Revier ca. 1100 Öre kostet, dürfte allein der Schleppereinsatz den vermeintlichen oder tatsächlichen Besitzer einiges gekostet haben.

Der neue Besitzer habe den Dampfer in „König Ludwig der vom Pferd fiel von Bayern“ umbenannt und in Regensburg zur Motoryacht umregistrieren lassen. Aus irgendeinem Grunde habe er das Schiff gepfändet, weil der eventuell vormalige Besitzer ihm noch eine erhebliche Menge Geld schulde. Dagegen hat der New Yorker Milliardär nun eine Einstweilige Verfügung erwirkt, gegen die der Bayer Einspruch erhoben hat. Hafenkapitän Ruhnke ist derweil laut Ostseezeitung (keine Artikel online für Nichtabonennten) sicher, dass die Jantzen noch eine Weile im Rostocker Stadthafen liegen wird.

Nun kommt es also dazu, dass vor dem Rostocker Landgericht verhandelt wird, ob ein in Leningrad gebauter, nach einem Warnemünder Lotsenkapitän benannter und in Stralsund zuletzt Dienst getaner Eisbrecher nun einem New Yorker Milliardär oder einem Heidelberger Schnösel gehört. Ist das nicht großartig? Daher heißt der Artikel auch nicht Provinzposse.

Den Rest schaue der geneigte Eisbrecherinteressierte bitte im Nordmagazin an. Mediathek, Nordmagazin vom 12.11.2012, Titel „Streit um Museumseisbrecher“.

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2 Antworten zu Metropolenposse

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