30 Stunden auf See

Ich habe den schwedischen Boden nicht betreten und schon gar nicht geküsst. Ich war einfach nur auf einem Dampfer, ununterbrochen. Ist es kontemplativ, das Wochenende ohne brauchbar ausgedehnten Schlafrhythmus in eng begrenzter Umgebung zu verbringen? Sicher. Interessanterweise konnte ich sogar bei mäßig rüttelnden Winden und beständigen Hintergrundgeräuschen von Maschine und Belüftungsanlage wunderbar schlafen. Vielleicht müsste man mir in Flugzeugen auch nur ein waagerecht angeordnetes Bett sowie ein eigenes Bad zur Verfügung stellen, und Rüttelei aller Art föchte mich nicht mehr an. Ein Problem, das mit Geld – und nur mit Geld! – lösbar wäre.

Aber warum fliegen, wenn man Schiff fahren kann?

Schiffe haben mich schon immer magisch angezogen, aber diese Leidenschaft hat hier in Rostock noch einmal richtig Schwung bekommen. Sei es auf der kleinen Fähre, beim Abhören von Warnemünde Traffic oder eben auf dem großen Dampfer – für einen Fahrgast ist es nur eine mehr oder weniger angenehme Wasserquerung, für die professionell Involvierten ist es reglementierte, strenge und anstrengende Arbeit, für die Reederei der Spagat zwischen Vorschrift und Rentabilität. Für den Außenstehenden oder Laien gaukelt die Abwesenheit erkennbarer Straßen und die vermeintliche Ausdehnung unendlich zur Verfügung stehenden Platzes relative Willkür auf dem Meer bei gleichzeitiger Einfachheit des Seins vor. Dabei gibt es nicht einmal auf einer unbeschränkten Autobahn vergleichbare Momente, in denen vorausschauendes Fahren derart weit erforderlich ist – und das bei deutlich höheren Geschwindigkeiten. So weit kann man auf einer Autobahn vielleicht auch einfach nicht gucken.

Was noch festgehalten sein will: Die freundlichen Mitarbeiter, die allenfalls auf Offiziersebene über meinen Beruf flachsten (Einen Koch brauchen wir grad dringender)(die anderen fragten gleich gar nicht), das als gering angegebene Stampfen, das mein vestibuläres System aber so gar nicht interessierte, der Blick zum Horizont, das Oberoberdeck mit Hubschrauberlandeplatz (groß genug war es jedenfalls) und (leerem) Pool, beim Anlegen vorne auf der Back stehen, dem Mann bei der Arbeit zusehen (umgekehrt würde es mich irritieren, dafür bekommt er anschließend anonyme Fallberichte), die Pracht der ostseelischen Wolkenpracht, die meditative Wirkung der blinkenden Tonnen des Seekanals, der Ausblick von der Brücke. Vielleicht werde ich im nächsten Leben doch Schiffspsychologin.

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