100 Tage Neuropsychologie – Zwischenfazit

Habe grad nachgerechnet, und ich bin doch tatsächlich genau 100 Tage im Amt! Da könnte man ja mal eine erste Zwischenbilanz ziehen.

Insgesamt muss ich sagen, dass ich mit der neuen Arbeit sehr glücklich bin. Ich freue mich über die Arbeit mit den Patienten genaus wie über die anschließende Puzzelei, das festgestellte kognitive Profil mit der vermuteten oder gesicherten Grunderkrankung irgendwie in Einklang zu bringen. Oder eben auch nicht, wenn ich bspw. tatsächlich eine von der Grunderkrankung unabhängig auftretende Demenz feststelle. Ich schreibe gerne Befunde, wobei ich allerdings derzeit nicht unfroh über meine Schnupperpraktikantin bin, die den Mittelteil, also die langweiligen Roh- und Normwerte, eintippt. Die Zusammenarbeit mit den Ärzten, die mir regelmäßig Patienten schicken, ist ebenfalls ausgezeichnet. Sie überschätzen zwar gelegentlich meine Möglichkeiten, aber das ist mir natürlich lieber als eine chronische Unter- oder gar Geringschätzung. Mit einigen von ihnen kann ich schon fast rumflachsen, einige duze ich inzwischen, einige kommen in meinem Büro vorbei, um mich zu bestimmten Patienten zu befragen. Das läuft also alles sehr gut, und ich bin tatsächlich sehr glücklich über den Wechsel in die Praxis.

Aus einer etwas langfristigeren Perspektive heraus muss ich auch feststellen, dass die prinzipielle Entscheidung für die Neurologie zuungunsten von Psychiatrie und Psychotherapieausbildung richtig war. Aus unserer Psychiatrie hört man nicht viel gutes, dort scheint nicht viel mehr zu passieren, als dass unliebsame Patienten ruhiggestellt werden. Empfehle ich ein psychiatrisches Konsil wegen aufgedeckter depressiver Symptome, liest man später im Arztbrief, ja, der Patient wirke im Kontakt depressiv, man verschreibe Citalopram. Fertig aus. Dass man einem depressiven Patienten mit einer neurologischen, womöglich chronischen Grunderkrankung vielleicht auch etwas therapeutisches anbieten sollte, darauf kommen die gar nicht. Das könnte ich in meiner täglichen Arbeit gar nicht aushalten. Ich habe leider auch schon zwei eklatante Fehldiagnosen* gehabt, die beide vermeidbar gewesen wären, wenn sich die Psychiater wenigstens oberflächlich an die Diagnosekriterien gehalten hätten. Da bin ich dann doch froh über unsere tapferen Neurologen, die nichts unversucht lassen, um dem Patienten die richtige Diagnose und damit auch Therapie geben zu können.

Meine Patienten sind sehr unterschiedlich, nicht nur untereinander, sondern auch im Vergleich zu den Patienten in der Charité. Viele sind Mecklenburger (wenig überraschend). 8 Klassen, Beruf, immer gearbeitet, verheiratet, Kinder, Enkel, Häuschen, Garten. In den Angaben in den Arztbriefen wird verblüffend wenig Alkoholkonsum berichtet („zu Anlässen“ ;-)), und bei den Zigaretten solch obskure Mengen wie 6-7 Zigaretten am Tag angegeben. Die Frauen haben Verkäuferin gelernt, die Männer Schlosserberufe aller Art oder Schiffsbauer. Gelegentlich Landwirte („6 Klassen, dann Kuhstall und Traktor“). Ähnlich wie in Berlin auch erlebe ich Häufungen bestimmter Diagnosen oder Details. Wird ein Parkinsonpatient, der wegen DBS (deep brain stimulation, Tiefenhirnstimulation oder auch Hirnschrittmacher) kommt, angemeldet, kann ich sicher sein: Ein Parkinsonpatient kommt selten allein. Die nächste Anmeldung bringt sicher den nächsten. So war es auch mit bestätigten oder ausgeräumten Demenzverdächtigungen, Hoch- und Niederbegabungen, mesialen unilateralen Temporallappenepilepsien usw. Das ist lustig.

Fazit: Weitermachen. Promotion durchziehen, Fachausbildung beginnen, besser werden.

*Edit: Nicht ich habe Fehldiagnosen gestellt (könnte theoretisch natürlich auch sein, habe aber noch nichts vernommen), sondern ich hatte Patienten, die höchstwahrscheinlich fehldiagnostiziert worden sind. In unserer Psychiatrie.

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