Belastungsproben

Ohne Belastungsproben wären die Arbeit, die Beziehung und das Leben an sich wohl langweilig. Manchmal möchte man aber doch gelegentlich verzichten. Wenn mans dann doch überlebt hat, kann man allerdings durchaus ein Reifungsgefühl verspüren. Oder zumindest Erleichterung.

Prinzipiell habe ich es ja bereits im Praktikum gelernt, überanspruchsvolle Ärzte zu schätzen. Trotzdem bin ich immer wieder verblüfft, welch prophetisch-diagnostische Fähigkeiten uns Neuropsychologen gelegentlich zugetraut werden. Da werden mir Menschen mit langjährigem Alkoholmissbrauch und schmerzsyndrombedingten Morphinverzehr geschickt, weil sie auf der Station ein delirantes Syndrom entwickelt haben. Ja, sicherlich ein akutes Alkoholentzugssyndrom, brav mit Diazepam kuriert, und am nächsten Morgen dann bei der neuropsychologischen Funktionsdiagnostik. Viel rumkommen kann da nicht. Einer kam mit massiver Schwerhörigkeit. Auch hier konnte ich differentialdiagnostisch nicht besonders gut herausarbeiten, ob die Symptome im Alltag auf das mangelnde Hörvermögen oder einen dementiellen Prozess zurückzuführen waren. Na wie gesagt, schön, dass Ärzte mir eher mehr als weniger zutrauen.

Falls man mal den Stellenwert seiner Beziehung ausloten möchte, unterschreibe man zunächst einen nicht unerheblichen Mietvertrag und begebe sich dann direkt in ein bekanntes einstmalig schwedisches Möbelhaus, um eine Küche zu planen. Ich verrate nur soviel: Es ist zu schaffen, sogar wenn die Modellreihe der einst heißgeliebten Küchenmöbel ausläuft und man sich noch am selben Tag für eine Alternative entscheiden muss. Es geht. Und hinterher… na, siehe Beginn.

Nach langer Zeit der Abstinenz gab es am Wochenende einen spontanen Ausflug in die Hauptstadt zwecks lunarer Feierlichkeiten. Anlass und dessen Zelebration waren absolut wunderbar, aber ach, die Anreise! Des attraktiven Parkplatzes wegen wird ja das Auto nicht mehr bewegt (wir wissen auch nicht, ob es das überhaupt noch kann), also Eisenbahn. Zwischen Berlin und Rostock ziehen sich ja nun zahlreiche Bauarbeiten hin, so dass es inzwischen nicht mal mehr zweistündlich Verbindungen in die Hauptstadt gibt. Naja, geschenkt. Aber dass Bahnfahren auch das Nervenkostüm auf eine harte Probe stellen kann, hatte ich bereits wieder vollständig verdrängt. Es lösten sich ab: Ein in den 90ern hängengebliebender Hausbesetzer im damals üblichen Habitus – stinkende verfilzte Haare, schmutzige zu kurze Hose, laute Klappe und insgesamt deutlich ungewaschen, in Begleitung eines bedauernswerten ähnlich ausgestatteten Kindes – ein ein ähnliches Odeur verbreitender, karohemdiger und überhaupt übertätowierter und -gepiercter Altrocker – eine Tante, die dem Waggon was von einem Igel erzählte, den sie mal gefunden oder gerettet oder mit Katzenfutter gefüttert oder sonstwie irgendwie jedenfalls mal getroffen hatte – eine unglaubliche Kombination aus hübschem Mädel mit offensichtlich bei einer Hochzeit aufgefangenem Brautstrauß (der nicht eine Sekunde, nicht mal für Wasserflasche aufschrauben, aus der Hand gelegt wurde) und einem Typen, den ich akustisch die ganze Zeit für ein Weib mit leicht tiefer Stimme hielt, der beim Betreten des Waggons allen erzählte, dass Onkel und Tante nach nunmehr 18 Jahren Beziehung geheiratet hätten, leider aber er im Rollstuhl, weil vorangegangener Motorradunfall mit ohne Schuld und mit kaputte Beine. Als seine sichtlich unfreiwillige Begleiterin ihm mitteilte, er sei etwas laut (weil schon andere Fahrgäste sich lustig machten), fragte er die klassische Gegenfrage „Wer ist zu laut?“ Natürlich in leicht unangemessener Lautstärke. Hmpf. Kann man aber auch alles überleben, das.

Schön sind Arbeit, Beziehung und das Leben an sich. Bilder folgen (bzw. erscheinen später VOR diesem Artikel, so will es wordpress).

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