Fahrrad goes Maßregelvollzug

Habe es heute, nachdem mir mein Vorderrad vor ca. 6 Wochen auf halbgefrorenem Untergrund weggerutscht war und ich einsah, dass der vordere Mantel ein negatives Profil aufweist, endlich geschafft, den Fahrradwerkstattsmenschen in der forensischen Psychiatrie anzurufen und auch zu erreichen. Sofortiges Vorbeibringen des Fahrrades wurde angeordnet. Also betrat ich heute zum ersten Mal eine Klinik für forensische Psychiatrie, eine Einrichtung, in der Patienten untergebracht sind, die zwar eine Straftat begangen haben, aber aus unterschiedlichen Gründen für nicht schuldfähig befunden wurden. Wer so schwer psychisch erkrankt ist, dass er nicht schuldfähig ist, kommt in den Maßregelvollzug. Dort soll er nach Möglichkeit geheilt und mit einer günstigen Sozialprognose entlassen werden, sollte die Behandlung erfolgreich sein. Kurzum, eine schwierige Aufgabe für alle dort Beschäftigten.

Also, hier in Rostock werden vor allem Patienten untergebracht, die aufgrund einer Suchterkrankung Straftaten begangen haben. Unter anderem gibt es ein ausführliches Ergotherapieangebot, das (in meinen Augen) im Vorhandensein einer Fahrradwerkstatt gipfelt. Da die Patienten naturgemäß nicht gerade ausgiebig zum Radfahren kommen und somit nur sehr wenige Fahrräder selbst verschleißen oder kaputtmachen, werden hier gerne die Fahrräder der Mitarbeiter des Zentrums für Nervenheilkunde repariert. Langsam nähert sich dieser umständlich begonnene Bericht seinem eigentlichen Ziel! Also wie gesagt, nach mehreren vergeblichen Anrufen, Urlaub des zuständigen Mitarbeiters und simplem Vergessen meinerseits heute also der Erfolg. Am besten gleich vorbeibringen. Ausweis mitbringen. Hui!

Die Klinik ist natürlich mit einem hohen, stacheldrahtbewehrten Zaun umgeben. Einlass gewährt ein entsprechend monumentales Tor. Man schellt. Es wird über Wechselsprechanlage nach dem Begehr gefragt. Da ist nicht etwa ein Pförtnerhäuschen oder sowas, die Beobachtungsanlage befindet sich gegenüber. Es surrt der Summer, und alsbald fällt das Tor hinter mir ins Schloss. Klack! Dann als nächstes in die Überwachungszentrale, Reisepass hergeben. Drinnen unzählige Monitore. Die in der obersten Reihe sind schwarz bis auf den Schriftzug „Warte auf Ereignis“. Aha. Auf was für ein Ereignis wartet wohl ein schwarzer Bildschirm? Passnummer und Name werden abgeschrieben, dann der Weg zur Fahrradwerkstatt gewiesen.

Des freundlichen Zweiradmechanikers, mit dem ich höchstwahrscheinlich ebenfalls die Heimatstadt teile, Augen leuchten, als er mein braves und einigermaßen gepflegtes (wenn auch nicht gerade, ähm, frisch geputztes) Rad zu Gesichte bekommt. Neben der Frage des Mantels werden sogleich sensible Punkte des Fahrrads abgegefragt. Naben, Bremsen, Licht, hinterer Reifen, Pedale, Kette und so weiter. Wird alles gemacht, falls nötig. Die Bremse hat es nötig. Das hintere Lager wohl auch. Kette und Ritzel hingegen gefallen wegen auffälligen nicht-mehr-ganz-aber-doch-noch-irgendwie-Neuzustands. Es muss nur das Material bezahlt werden, zum Einkaufspreis.

Zu allen genannten Vorteilen gesellt sich noch ein logistischer: Ich kann morgens ganz normal mit dem Rad zur Arbeit fahren, gebe es in der Forensik ab, und hole es nachmittags gemacht wieder ab. In der Stadt müsste ich es weggeben und ohne es zur Arbeit und zurückkommen. Nur dass dort die Tür nicht so unangenehm ins Schloss klackt.

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