Rote Bete ganz gefährlich!

Hab ich immer schon gewusst und daher von Kindheit an die Rote Bete gemieden wie der Teufels ’s Weihwasser. Und, hab ich rechtbehalten! Können wir gleich mit andern schlimmen Gemüsen weitermachen. Rharbarbar (vermutlich falsch geschrieben, aber diese Schreibweise entspricht phonetisch seiner Gefährlichkeit!) zum Beispiel, hat das schon mal einer untersucht? Was gibt’s noch, Artischocken? Brandgefährlich. Wirsingkohl. Chicorée, weiße Bohnen und vielleicht noch Knollensellerie und grüner Paprika. Alles verdächtig.

Nicht verdächtig sind bitte Tomaten (besonders aus Barth!), Gurken*, Zwiebeln, bunte Paprika, Knoblauch, Fenchel, Stangensellerie und Avocado.

Insgesamt, bei allem Respekt für die Betroffenen, fehlt mir trotzdem etwas Realitätssinn bei der Einschätzung der Vorgänge rund um EHEC seitens der Medien. Dass die BLÖD seit Wochen mit immer neuen Killerkeimüberschriften kommt, ist wenig überraschend, auch die Schelte an die Bundesregierung oder wer auch immer grad mit Schuldhaben dran ist, erfolgte protokollgemäß. Fakt ist, dass über bislang weitgehend unbekannte Verteilwege Menschen mit einem gefährlichen Bazillus infiziert wurden. Bislang sind knapp 30 Personen gestorben. Eine große Zahl Infizierter schlägt sich mit schwerwiegenden Komplikationen herum, und die seit Jahren an den Kapazitätsgrenzen laborierenden Krankenhäuser sind mit diesem vergleichsweise moderaten Ansturm restlos überfordert (kapazitös überfordert, nicht kompetenzös!). Im Bewusstsein der Gefahr, ein typisches Totschlagargument einzusetzen, möchte ich auf die 3657 deutschen Verkehrstoten des vergangenen Jahres hinweisen, denen noch keiner eine Umgehungsstraße geopfert hat. Ich habe leider persönlich noch keine Menschen getroffen, die mit der Zigarette in der Hand ihre EHEC-bedingte Gurkenabstinenz berichten, aber ich bin sicher, dass es sie gibt. Frische, jungfräuliche Angst vor hippen Keimen macht nunmal mehr Spaß als alte, abgestandene Angst vor jahrzehnte später erfolgenden Lungenkarzinomen. Und nein, es ist nicht besonders sinnvoll, wahllos vor irgendwelchen verdächtigen Lebensmitteln zu warnen, nur weil das nach Aktion aussieht. Im Nachhinein hat man diplomatischen Ärger mit Spanien und muss in der EU um Entschädigungen feilschen, obwohl vielleicht kein einziger Mensch am Verzehr einer spanischen Gurke gestorben ist. Was mich an die Schweinegrippe erinnert, wo in der Uni Bielefeld überall in den Toiletten Desinfektionsmittel samt Anleitung angeschraubt wurde, was bei allen vorangegangenen Grippewellen (= jeder Winter) nicht erfolgte. Was war das spezifisch andere an der Schweinegrippe? Und was ist jetzt (auf die Gesellschaft bezogen) das andere an EHEC? Die Behörden mögen ihre Arbeit gut und schnell erledigen, um eine Ausbreitung zu verhindern, und sie mögen entsprechend zweckdienliche Informationen rechtzeitig und klug verbreiten, aber sie sollen bitte nicht ein „verdächtiges Gemüse des Tages“ ausrufen, bevor sie nicht ziemlich sicher sind, dass es DAS Gemüse ist.

Ihre Arbeit wurde bereits mit der Arbeit von Mordkommissionen verglichen, und dieser Vergleich ist absolut zulässig. Vor allem, was die Diskretion im Vorfeld tatsächlicher Sicherheit angeht.

*Update zu Mecklenburg anbeten: Hier gibt es allerorten, auch im gewöhnlichen Supermarkt, richtige Land(Schmor)gurken zu kaufen. Muss ich mal dringend kochen!

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